Geöffnete Sonnencreme bleibt nach Herstellerangabe meistens zwölf Monate sicher verwendbar. Diesen Wert findest du als kleines Tiegel-Symbol mit der Angabe "12M" auf der Tube, das sogenannte Period after Opening (PAO). Geht das Symbol fehlt, gilt das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum nach EU-Kosmetikverordnung 1223/2009. Das Problem: Auch eine ungeöffnete Tube vom Vorjahr kann gesundheitlich kritisch werden, weil sich der weit verbreitete UV-Filter Octocrylen bei Lagerung in das wahrscheinlich krebserregende Benzophenon zersetzt. Hier liest du, woran du abgelaufene Creme erkennst, welche Filter unbedenklich sind und warum du jeden Mai eine neue Tube kaufen solltest.

So lange hält Sonnencreme wirklich

Sonnencremes laufen meist deutlich schneller ab als andere Kosmetik. Hersteller geben für die geöffnete Tube üblicherweise zwölf Monate an. Ungeöffnet liegen die meisten Produkte bei einer Mindesthaltbarkeit von rund 30 Monaten, weshalb in der EU laut Artikel 19 der Kosmetikverordnung 1223/2009 dann das PAO-Symbol statt eines klassischen Verfallsdatums verwendet werden darf. Wenn die ungeöffnete Tube länger als 30 Monate hält, ist nur das PAO-Symbol Pflicht. Liegt die Haltbarkeit darunter, schreibt die Verordnung ein konkretes Datum vor.

Symbol auf der Tube Bedeutung Bei Sonnencreme typisch
Offener Tiegel mit "12M" Nach Öffnung 12 Monate haltbar Standardangabe der meisten Hersteller
Sanduhr-Symbol Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) Vorgeschrieben bei Haltbarkeit unter 30 Monaten
Sanduhr ohne Datum Verfallsdatum unter 30 Monate, Datum daneben Bei sensitiven Formulierungen ohne Konservierer
Kein Symbol Mindesthaltbarkeit über 30 Monate, ungeöffnet Selten bei Sonnenschutz

Drei Faustregeln helfen dir bei der Einschätzung. Erstens: Hitze verkürzt die Haltbarkeit drastisch. Eine Tube, die einen Sommer lang im Auto oder am Strand lag, ist schneller hinüber als der Aufdruck verspricht. Zweitens: Trennen sich Wasser- und Fettphase, riecht die Creme ranzig oder hat sie sich gelblich verfärbt, gehört sie in den Restmüll, egal was das Datum sagt. Drittens: Auch eine intakt aussehende, ungeöffnete Tube kann gefährliche Abbauprodukte enthalten. Dazu gleich mehr.

Octocrylen: Warum auch ungeöffnete Creme zum Risiko wird

2021 veröffentlichten Forschende der Sorbonne Université und des französischen CNRS eine Studie in der Fachzeitschrift Chemical Research in Toxicology, die in der Branche bis heute nachhallt. Das Team um Didier Stien und Craig Downs prüfte 17 Sonnencremes aus den USA und der EU, darunter Produkte von Garnier, La Roche-Posay, Bioderma und Neutrogena. Die Forschenden ließen die Cremes nach einem standardisierten FDA-Verfahren sechs Wochen lang künstlich altern. Das entspricht etwa einem Jahr regulärer Lagerung.

Ergebnis: In allen 16 Produkten mit dem UV-Filter Octocrylen war das wahrscheinlich krebserregende Benzophenon nachweisbar. Vor der Alterung lag der Mittelwert bei 39 Milligramm pro Kilogramm Creme (Spanne 6 bis 186 mg/kg), nach der Alterung bei 75 Milligramm pro Kilogramm (Spanne 9,8 bis 435 mg/kg). Im Extremfall stieg die Konzentration also um mehr als das Zehnfache. Nur eine einzige octocrylenfreie Creme im Test blieb komplett benzophenonfrei.

Benzophenon stuft die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO als möglicherweise krebserregend für den Menschen ein. Es gilt zudem als hormonell wirksam und reproduktionstoxisch. Genau deshalb hat die EU Benzophenon als Inhaltsstoff in Kosmetika im Dezember 2023 verboten. In Sonnencremes mit Octocrylen kann es trotzdem entstehen, weil es als Abbauprodukt heranreift, nicht als beigemischte Substanz.

Französische Forschende fanden 2021 nach sechs Wochen Alterung im Schnitt 75 Milligramm Benzophenon pro Kilogramm Sonnencreme, im Extremfall 435 mg/kg
Französische Forschende fanden 2021 nach sechs Wochen Alterung im Schnitt 75 Milligramm Benzophenon pro Kilogramm Sonnencreme, im Extremfall 435 mg/kg

Was BfR und Stiftung Warentest dazu sagen

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bewertet die Lage zurückhaltend. In seiner FAQ vom 10. Juli 2024 schreibt das Institut, dass durch geeignete Rohstoffe und Rezepturen die Benzophenon-Bildung begrenzt werden könne und in den meisten auf dem deutschen Markt verfügbaren Produkten kein oder nur sehr wenig Benzophenon entstehe. Eine Gesundheitsbeeinträchtigung sei nach aktuellem Kenntnisstand nicht zu erwarten. Trotzdem rät das BfR explizit, octocrylenhaltige Cremes am Ende der Saison zu entsorgen. Genau der Punkt also, an dem die meisten von uns die halbvolle Tube zurück in den Badezimmerschrank stellen.

Auch Stiftung Warentest reagiert auf den Befund. Im aktuellen Sonnencreme-Test vom 26. Juni 2025 wurden 36 Produkte geprüft. Alle octocrylenhaltigen Cremes ließ Stiftung Warentest gezielt auf Benzophenon analysieren. Nur eine Creme wies erhöhte Werte auf und wurde dafür mit einem "Mangelhaft" abgestraft. Seit 2018 lag in keinem getesteten Produkt die Octocrylen-Konzentration über der zulässigen Obergrenze von 10 Prozent. Die Verbraucherschützer empfehlen wie das BfR, octocrylenhaltige Reste am Saisonende konsequent zu entsorgen.

Die Gesellschaft für Toxikologie geht einen Schritt weiter und empfiehlt, octocrylenhaltige Produkte ganz zu vermeiden, solange sich saubere Alternativen finden lassen.

Welche UV-Filter unbedenklich sind

Sonnenschutzmittel arbeiten entweder mit chemischen (organischen) oder mineralischen (anorganischen) Filtern. Die mineralischen Pigmente Zinkoxid und Titandioxid reflektieren das UV-Licht physikalisch. Sie ziehen nicht in die Haut ein und gelten als gesundheitlich unbedenklich. Mineralische Cremes hinterlassen allerdings einen weißlichen Film, weshalb viele Marken inzwischen zu Hybriden mit modernen organischen Filtern greifen.

UV-Filter Typ Bewertung
Zinkoxid mineralisch Vom BfR als sicher bewertet, in der EU für Kinder ab 6 Monate empfohlen
Titandioxid (nicht-nano) mineralisch Sicher, kann aber bei Sprays Atemwege reizen
Tinosorb S, Tinosorb M chemisch (Bemotrizinol, Bisoctrizol) Stabile, breitbandige Filter ohne kritische Abbauprodukte
Uvinul A Plus chemisch (Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate) UVA-Filter, gilt als unproblematisch
Octocrylen chemisch Zerfällt zu Benzophenon, BfR rät zur Entsorgung am Saisonende
Octinoxat (Ethylhexyl Methoxycinnamate) chemisch Verdacht auf hormonelle Wirkung, in Hawaii teilweise verboten
Oxybenzon (Benzophenone-3) chemisch Hormonell wirksam, in EU strenger reguliert, in Korallenriff-Schutzzonen verboten

Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste (INCI) auf der Rückseite verrät, welche Filter eine Creme nutzt. Steht "Octocrylene" weit oben in der Liste, lohnt sich am Saisonende die Entsorgung. Tinosorb S und M gelten unter Dermatologen seit Jahren als Goldstandard für sicheren, breitbandigen Schutz. Sie sind in Europa zugelassen, in den USA bislang nicht.

Wann du dringend nachkaufen solltest

Der Mai gilt nach der gemeinsamen Kampagne des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen und der ADO als Hautkrebsmonat. Das hat einen einfachen Grund: Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) misst in Süddeutschland bereits Anfang Mai UV-Index-Werte von 5 bis 8, in den Alpen sogar bis 9. Ab einem UV-Index von 3 empfehlen BfS und Deutscher Wetterdienst Sonnenschutz, ab 8 gilt die UV-Belastung als sehr hoch. Eine Tube aus dem Vorjahr, die mit kaum noch wirksamem Filter und potenziell erhöhter Benzophenon-Konzentration angefangen wird, ist im Mai also doppelt riskant.

Die deutsche Krebshilfe warnt 2026, dass die UV-Strahlung in Mitteleuropa weiter zunimmt. Messungen aus Dortmund zeigen einen Anstieg der monatlichen UV-Dosis von über 10 Prozent zwischen 1997 und 2022. In der Region Brüssel waren es fast 20 Prozent. Hautkrebs ist mit jährlich mehr als 270.000 Neuerkrankungen die häufigste Krebsart in Deutschland. Wie oft die Krankenkasse das Hautkrebs-Screening übernimmt, regelt der Gemeinsame Bundesausschuss separat.

Im Mai liegt der UV-Index in Süddeutschland regelmäßig bei 5 bis 8, in den Alpen erreicht er Werte bis 9
Im Mai liegt der UV-Index in Süddeutschland regelmäßig bei 5 bis 8, in den Alpen erreicht er Werte bis 9

Was du jetzt tun solltest

Hol jetzt deine Vorjahres-Tuben aus dem Schrank und prüfe sie der Reihe nach. Schau zuerst auf das PAO-Symbol und rechne nach: Wann hast du sie das erste Mal geöffnet? Liegt das mehr als zwölf Monate zurück, gehört die Creme in den Restmüll. Trennt sich die Konsistenz, riecht sie ranzig oder hat sie sich verfärbt, ebenfalls. Steht "Octocrylene" weit oben in der INCI-Liste und ist die Tube älter als eine Saison, entsorge sie unabhängig vom Aussehen. Lagere die neue Tube kühl, trocken und vor allem nicht im Auto: Temperaturen über 30 Grad beschleunigen den Zerfall des Filters massiv. Für Kinder und sensible Haut greife bevorzugt zu Produkten mit Zinkoxid, Titandioxid oder Tinosorb. Wer einen umfassenderen Überblick zum richtigen UV-Schutz bei Kindern sucht, findet dort die wichtigsten Hinweise zu Filtern und Lichtschutzfaktor.

Weiterführende Links

BfRFAQ Sonnenschutzmittelbfr.bund.de
Stiftung WarentestSonnencremes für Erwachsene im Testtest.de
Bundesamt für StrahlenschutzUV-Index-Prognosebfs.de