Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut empfiehlt Erwachsenen, die Tetanus-Impfung alle 10 Jahre aufzufrischen. Wer also nach einer vollständigen Grundimmunisierung im Kindesalter die letzte Spritze 2016 bekommen hat, ist 2026 dran. Die Realität sieht anders aus: Laut RKI haben nur rund 54 Prozent der Erwachsenen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren eine aktuelle Tetanus-Diphtherie-Impfung erhalten. Jeder zweite Erwachsene läuft also offiziell mit unzureichendem Schutz herum. Gleichzeitig hat die Weltgesundheitsorganisation ihre Empfehlung für regelmäßige Auffrischungen im Erwachsenenalter bereits 2017 gestrichen. Hier erfährst du, wann eine Auffrischung wirklich fällig ist, was bei einer Wunde gilt und warum der 10-Jahres-Rhythmus wissenschaftlich gerade auf dem Prüfstand steht.
Was die STIKO 2026 konkret empfiehlt
Die STIKO hält im Impfkalender 2026 am 10-Jahres-Intervall fest. Nach abgeschlossener Grundimmunisierung im Säuglings- und Kindesalter (insgesamt sechs Dosen bis zum 17. Lebensjahr) folgt im Erwachsenenalter alle zehn Jahre eine Auffrischung. Verwendet wird dafür ein Td-Kombinationsimpfstoff, also Tetanus plus Diphtherie. Das kleine "d" steht für die reduzierte Diphtherie-Dosis, die für Erwachsene üblich ist. Säuglingsimpfstoffe (DTaP, großes D) sind nicht gleichwertig und werden bei Erwachsenen nicht eingesetzt.
Eine wichtige Klarstellung des RKI: Wer die fällige Auffrischung um Jahre überzogen hat, muss die Grundimmunisierung nicht neu starten. Eine einzelne Td-Dosis reicht, um den Schutz wieder aufzubauen, selbst wenn die letzte Impfung 20 oder 30 Jahre zurückliegt. Das gilt allerdings nur, wenn die Grundimmunisierung im Kindesalter dokumentiert nachweisbar ist. Fehlen Nachweise oder Impfpass komplett, beginnt das Schema von vorn: drei Dosen im Abstand von vier bis acht Wochen und sechs bis zwölf Monaten.
Zusätzlich empfiehlt die STIKO seit 2009 eine einmalige Pertussis-Komponente bei der nächsten fälligen Td-Auffrischung. Statt Td wird dann Tdap geimpft, der Kombinationsimpfstoff mit Keuchhusten. Das ist keine wiederkehrende Empfehlung, sondern soll im Erwachsenenleben genau einmal stattfinden. Wer in den vergangenen zehn Jahren schon einmal Tdap bekommen hat, kann für die nächste Auffrischung zurück auf reines Td wechseln.
Tetanus-Auffrischung im Vergleich: STIKO, WHO, neue Forschung
Hier wird es interessant. Die Empfehlungen der großen Gesundheitsbehörden klaffen auseinander. Während STIKO und die US-amerikanische CDC am 10-Jahres-Rhythmus festhalten, hat die WHO 2017 ihre Position geändert und empfiehlt für Erwachsene mit vollständiger Grundimmunisierung im Kindesalter keine routinemäßigen Auffrischungen mehr.
| Empfehlung | Auffrischung nach Grundimmunisierung | Begründung |
|---|---|---|
| STIKO (Deutschland, 2026) | alle 10 Jahre | Vorsichtsprinzip, einfaches Schema |
| CDC (USA) | alle 10 Jahre | Vorsichtsprinzip |
| WHO (seit 2017) | keine routinemäßige Auffrischung | Schutz hält nach voller Grundimmunisierung lange |
| Slifka-Review 2025 | ca. alle 30 Jahre ausreichend | Antikörper-Halbwertszeit 14 Jahre Tetanus, 27 Jahre Diphtherie |
Hintergrund ist eine Forschungslinie der Oregon Health & Science University. Eine Studie um Mark Slifka untersuchte 2016 über 500 Erwachsene und ermittelte eine Antikörper-Halbwertszeit von 14 Jahren für Tetanus und 27 Jahren für Diphtherie. 97 Prozent aller Probanden hatten schützende Antikörperspiegel, bei den unter 60-Jährigen sogar 99 Prozent. Ein Übersichtsartikel desselben Teams von Juli 2025 argumentiert, dass routinemäßige Auffrischungen bei vollständig grundimmunisierten Erwachsenen weitgehend überflüssig seien. Allein in den USA ließen sich damit rechnerisch etwa eine Milliarde Dollar Impfkosten sparen.
Die STIKO hat angekündigt, das 10-Jahres-Intervall wissenschaftlich neu zu bewerten. Bis dahin gilt aber weiter: Wenn dein Hausarzt dich an die Auffrischung erinnert, folge der STIKO-Empfehlung. Sie ist der medizinische Standard, und im Streitfall greift die Standardempfehlung. Was du aus der Debatte mitnehmen kannst: Wenn deine letzte Auffrischung "nur" elf oder zwölf Jahre her ist, bist du nicht schutzlos. Panik ist nicht angebracht, ein Termin in den kommenden Wochen reicht völlig.

So prüfst du deinen Impfstatus
Der schnellste Weg ist der Impfpass, das gelbe Heft im Format DIN A6. Suche nach Einträgen mit "Tetanus", "Td", "Tdap", "DTaP", "DTPa-IPV" oder Handelsnamen wie Boostrix, Revaxis oder Tdpur. Die letzte Eintragung mit einer dieser Bezeichnungen ist deine letzte Auffrischung. Liegt das Datum mehr als zehn Jahre zurück, ist nach STIKO-Empfehlung eine neue Dosis fällig.
Ohne Impfpass wird es komplizierter. Hausarztpraxen führen oft eigene Karteien, manche Praxen archivieren Patientenakten allerdings nur zehn Jahre. Krankenkassen wissen es ebenfalls nicht. Ein Bluttest auf Tetanus-Antikörper kostet zwischen 20 und 50 Euro und wird von gesetzlichen Krankenkassen meist nicht erstattet. In den meisten Fällen ist es günstiger und schneller, einfach eine Auffrischung zu setzen. Eine zusätzliche Impfung schadet nicht, auch wenn der Schutz noch ausreicht. Die Reaktion ist allenfalls etwas stärker (Schwellung, Druckschmerz am Oberarm), eine Gefahr besteht nicht.
Hat man im hohen Erwachsenenalter noch nie eine Tetanus-Impfung bekommen oder fehlt die Grundimmunisierung komplett, baut der Hausarzt sie mit drei Dosen auf. Das ist insbesondere für ältere Menschen wichtig: Laut RKI haben Frauen über 60 deutlich seltener einen aktuellen Schutz als jüngere Erwachsene, gleichzeitig treten die jährlich etwa 15 in Deutschland gemeldeten Tetanus-Erkrankungen überwiegend bei dieser Altersgruppe auf. Tetanus verläuft in Deutschland in etwa einem von vier dokumentierten Fällen tödlich.
Wann bei einer Wunde geimpft werden muss
Hier wird die 10-Jahres-Regel flexibel. Bei einer frischen Verletzung gilt nicht das Standardintervall, sondern die Wundklassifikation. Die Sächsische Impfkommission, das RKI und die AWMF-Leitlinie 030-104 zur Tetanus-Prophylaxe nutzen dafür ein einfaches Tabellenschema. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie viele Impfungen sind dokumentiert, und wann war die letzte? Bei "sauberen, geringfügigen Wunden" (frischer Schnitt mit sauberer Klinge, kleiner Abrieb) reicht ein längerer Impfschutz. Bei "tiefen oder verschmutzten Wunden" (Stichverletzung, Erdkontakt, Holzsplitter, Bissverletzung, Verbrennung) tickt die Uhr schneller.
| Letzte Impfung | Saubere, geringfügige Wunde | Tiefe oder verschmutzte Wunde |
|---|---|---|
| vor weniger als 5 Jahren | keine Impfung nötig | keine Impfung nötig |
| vor 5 bis 10 Jahren | keine Impfung nötig | Td/Tdap-Auffrischung |
| vor mehr als 10 Jahren | Td/Tdap-Auffrischung | Td/Tdap-Auffrischung |
| Status unklar, weniger als 3 Dosen dokumentiert | Td/Tdap und Grundimmunisierung starten | Td/Tdap plus Tetanus-Immunglobulin (Simultanimpfung) |
Die Simultanimpfung kombiniert eine aktive Impfung (Td/Tdap, baut langfristigen Schutz auf) mit einem passiven Tetanus-Immunglobulin wie Tetagam, das sofort wirkt. Standarddosis sind 250 IE Immunglobulin, bei stark verschmutzten Wunden oder verzögerter Versorgung über 24 Stunden 500 IE. Beide Spritzen werden gleichzeitig gesetzt, aber in unterschiedliche Arme (kontralateral), damit die passiven Antikörper die aktive Immunantwort nicht abfangen.
Praktisch heißt das: Hast du Holzsplitter im Garten oder einen rostigen Nagel erwischt und deine letzte Tetanus-Impfung war vor neun Jahren, brauchst du keine Notaufnahme, sondern eine normale Hausarztpraxis. Selbst eine Impfung "auf Vorrat", also weil du dich vor möglichen kleinen Verletzungen schützen willst, ist sinnvoll, wenn der 10-Jahres-Termin in den kommenden zwei bis drei Jahren ohnehin ansteht. Eine vorgezogene Auffrischung ist unkritisch.

Tetanus auf Reisen und in Risikosituationen
Die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG) empfiehlt vor Fernreisen einen aktuellen Tetanus-Schutz, idealerweise als Tdap-Kombination. Anders als bei manchen Tropenimpfungen gibt es kein länderspezifisches Risikoprofil, weil Tetanus weltweit im Erdreich vorkommt. Entscheidend ist eher die medizinische Infrastruktur am Reiseziel: In Ländern mit eingeschränkter Notfallversorgung kann eine Wundbehandlung Stunden oder Tage dauern, und genau dann zählt der vorhandene Eigenschutz doppelt.
Verletzt du dich im Ausland tief oder verschmutzt, und liegt deine letzte Impfung mehr als fünf Jahre zurück, gehört eine Tetanus-Auffrischung in jede ärztliche Erstversorgung. In vielen Reiseländern wird sie routinemäßig in der Notaufnahme gesetzt. Wichtig: Bewahre die Impfdokumentation auf und übertrage sie zu Hause in deinen Impfpass, damit der 10-Jahres-Zähler korrekt weiterläuft.
Bestimmte Berufs- und Risikogruppen sollten ihren Schutz besonders im Blick behalten: Landwirte, Gärtner, Bauarbeiter, Tierhalter, Tierärzte und Beschäftigte in der Abfallwirtschaft haben überdurchschnittlichen Kontakt mit potenziell kontaminierten Materialien. Auch Menschen mit Diabetes oder offenen Hautwunden (zum Beispiel chronische Beingeschwüre) sind gefährdet, weil Wundheilungsstörungen das Eindringen der Tetanus-Sporen begünstigen. Für sie kann der Hausarzt eine Auffrischung schon nach fünf bis sieben Jahren erwägen.
Was du jetzt tun solltest
Hol deinen Impfpass raus. Wenn die letzte Tetanus-Impfung mehr als zehn Jahre zurückliegt, vereinbare einen Termin in deiner Hausarztpraxis. Die Impfung ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und kostet dich nichts. Falls die letzte Auffrischung neun Jahre her ist und der nächste freie Termin erst in drei Monaten verfügbar, ist das unkritisch. Findest du den Impfpass nicht, lass dir die Auffrischung auch ohne Nachweis setzen, eine doppelte Impfung schadet nicht. Bist du noch nie geimpft worden, plant der Hausarzt eine dreiteilige Grundimmunisierung über sechs bis zwölf Monate. Notiere dir den Termin in deinem Kalender mit Wiedervorlage in zehn Jahren, denn ein typischer Grund für überzogene Auffrischungen ist schlicht das Vergessen. Die nächste Tetanus-Schwelle ist dann 2036.