Der Altweibersommer ist eine warme, ruhige Schönwetterphase, die in Deutschland meist zwischen Mitte September und Anfang Oktober auftritt. Tagsüber klettern die Temperaturen noch einmal auf sommerliche Werte, nachts wird es kühl, und morgens hängen feine Spinnfäden im Gegenlicht. Anders als die meisten Leute vermuten, hat der Name nichts mit alten Frauen zu tun. Er geht auf ein altes Wort fürs Spinnen zurück. Meteorologisch zählt der Altweibersommer zu den sogenannten Singularitäten, also zu den Wetterlagen, die in Mitteleuropa Jahr für Jahr ungewöhnlich häufig zur gleichen Zeit auftreten. Hier erfährst du, woher der Begriff stammt, wie zuverlässig das Phänomen ist und was die Spinnen damit zu tun haben.

Der Name kommt vom Spinnen, nicht von alten Weibern

Die naheliegende Deutung ist falsch. Mit dem Wort „weiben" wurde im Althochdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Der Deutsche Wetterdienst führt genau diese Erklärung in seinem Wetterlexikon: Der Begriff leitet sich vom alten Wort „weiben" für „weben" ab und bezieht sich auf die Flugfäden junger Spinnen. Die zweite Silbe meint also nicht die „Weiber", sondern das Weben. Erst später hat die Volksetymologie aus dem Spinnen die „alten Weiber" gemacht, weil die silbrigen Fäden an graues Haar erinnern.

Diese Verwechslung hat sogar Gerichte beschäftigt. 1989 stellte das Landgericht Darmstadt fest, dass die Verwendung des Ausdrucks Altweibersommer durch die Medien keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte älterer Damen darstellt. Eine Klägerin hatte sich durch den Begriff diskriminiert gefühlt. Das Gericht sah das anders. Sicher belegt ist die Herkunft trotzdem nicht: Sprachforscher diskutieren mehrere Deutungen, und neben dem Altweibersommer existieren regional zahlreiche andere Namen für dieselbe Wetterlage.

Name Verbreitung
Altweibersommer bundesweit, häufigste Bezeichnung
Frauensommer süddeutsch, österreichisch
Mädchensommer regional
Mettensommer älterer, seltener Begriff
Ähnlsommer regional, älterer Begriff

Die schiere Zahl der Varianten ist auch der Grund, warum sich die Etymologie nicht endgültig klären lässt. Im Englischen heißt die Phase übrigens „Indian Summer", ein Begriff, der ursprünglich das nordamerikanische Pendant beschreibt.

Eine meteorologische Singularität im Herbst

Hinter dem schönen Wetter steckt eine konkrete Großwetterlage. Der Altweibersommer entsteht durch ein Festlandshoch oder eine Hochdruckbrücke, die im Regelfall von den Azoren bis zu einem Hoch über Osteuropa reicht. Diese Brücke schiebt Tiefdruckgebiete vom Atlantik weg und sorgt für stabile, trockene Luft. Die Folge: warme Tage, sternklare Nächte und am Morgen starke Taubildung.

Der DWD ordnet den Altweibersommer als ausgeprägte Singularität in der jährlichen Temperaturkurve ein, vergleichbar mit der Schafskälte im Juni oder den Eisheiligen im Mai. Eine Singularität ist eine Wetterlage, die statistisch deutlich häufiger zu einem bestimmten Kalendertermin auftritt, als der Zufall es erwarten ließe. Sie ist keine starre Regel, sondern eine Häufung.

Wie verlässlich der Altweibersommer wirklich ist, lässt sich beziffern. Nach den langjährigen Statistiken des DWD liegt die Wahrscheinlichkeit für eine solche Schönwetterphase allein in der letzten Septemberwoche bei rund 80 Prozent. Das ist ein bemerkenswert hoher Wert für ein Wetterphänomen, das viele für reinen Aberglauben halten. Diese 80 Prozent beschreiben allerdings nur, wie oft die Schönwetterphase überhaupt eintritt. Anders funktioniert die deutlich bekanntere Siebenschläferregel: Ihre vom DWD genannte Trefferquote von 60 bis 70 Prozent misst, wie oft eine Vorhersage über sieben Wochen tatsächlich eintrifft. Beide Zahlen messen also Verschiedenes und lassen sich nicht direkt vergleichen.

Laut DWD-Statistik liegt die Wahrscheinlichkeit für eine warme Schönwetterphase in der letzten Septemberwoche bei rund 80 Prozent
Laut DWD-Statistik liegt die Wahrscheinlichkeit für eine warme Schönwetterphase in der letzten Septemberwoche bei rund 80 Prozent

Die fliegenden Spinnenfäden geben dem Phänomen sein Gesicht

Das auffälligste Merkmal des Altweibersommers sind die feinen Fäden, die über Wiesen, Hecken und Gartenzäunen hängen. Sie stammen von Spinnen, vor allem von den Baldachinspinnen wie der Gewöhnlichen Baldachinspinne. Im Herbst betreiben sie das sogenannte Ballooning: Sie klettern auf einen erhöhten Punkt, geben Seidenfäden in die Luft ab und lassen sich vom Wind forttragen. So besiedeln sie neue Lebensräume.

Anders als oft angenommen sind das nicht nur winzige Jungspinnen. Bei den Baldachinspinnen fliegen auch ausgewachsene Tiere zu Tausenden mit. Eine Spinne produziert für den Flug etwa 50 bis 60 extrem leichte Seidenfäden, mit denen sie Höhen von mehreren Kilometern erreichen und mehrere hundert Kilometer weit reisen kann. Charles Darwin notierte schon auf seiner Reise mit der HMS Beagle, dass Spinnen rund 100 Kilometer vor der argentinischen Küste in der Takelage landeten.

Lange galt Wind als einzige Antriebskraft. Zwei Studien aus dem Jahr 2018 zeigten jedoch etwas Überraschendes. Die Arbeit von Morley und Robert in der Fachzeitschrift Current Biology wies nach, dass Spinnen auch bei völliger Windstille abheben können. Sie nutzen das elektrostatische Feld der Atmosphäre: Die abgegebenen Fäden laden sich negativ auf, stoßen sich von der ebenfalls negativ geladenen Erdoberfläche ab und tragen die Spinne nach oben. Eine zeitgleiche Studie von Cho und Kollegen in PLOS Biology beschrieb das Flugverhalten großer Spinnen im Detail. Die im Gegenlicht silbrig schimmernden Fäden sind also kein Zufallsprodukt des Herbstes, sondern ein hochentwickeltes Reisesystem.

Warum der Altweibersommer mehr ist als nur schönes Wetter

Für die Praxis ist die 80-Prozent-Wahrscheinlichkeit Gold wert, wenn du das letzte warme Fenster des Jahres nutzen willst. Wer im Garten arbeitet, hat im Altweibersommer die beste Gelegenheit, Zwiebelblumen zu setzen, Stauden zu teilen oder den Rasen ein letztes Mal zu mähen. Auch für späte Wanderungen, Erntefeste oder die letzte Grillrunde ist die Phase ideal, weil stabile Hochdrucklagen oft mehrere Tage am Stück halten.

Der Haken liegt in den 20 Prozent. Eine Singularität ist eine Häufung, keine Garantie. In manchen Jahren bleibt der Altweibersommer komplett aus, in anderen kommt er Mitte Oktober oder gar nicht. Wer das spätsommerliche Wetter fest einplant, zahlt im Zweifel drauf: frostempfindliche Kübelpflanzen, die du zu lange draußen lässt, können bei einem plötzlichen Kälteeinbruch erfrieren, und eine im Voraus gebuchte Wanderreise kann ins Wasser fallen. Verlasse dich also auf die Wahrscheinlichkeit, aber nicht blind.

Ein zweiter Punkt wird oft unterschätzt: Die Sonne steht Ende September zwar tiefer, ist aber tagsüber noch kräftig. Bei klarem Hochdruckhimmel ist der UV-Index mittags noch relevant, gerade in höheren Lagen. Die Haltbarkeit deiner Sonnencreme lohnt sich vor dem Altweibersommer also durchaus noch ein letztes Mal zu prüfen.

Bei den Baldachinspinnen fliegen auch ausgewachsene Tiere mit, eine Spinne produziert dafür rund 50 bis 60 Seidenfäden
Bei den Baldachinspinnen fliegen auch ausgewachsene Tiere mit, eine Spinne produziert dafür rund 50 bis 60 Seidenfäden

Worauf du beim Altweibersommer achten solltest

Wenn du das warme Herbstfenster optimal nutzen willst, halte dich an drei Punkte. Beobachte erstens die Wettervorhersage statt des Kalenders: Der Altweibersommer hat kein festes Datum, sondern kündigt sich über eine stabile Hochdrucklage an. Plane zweitens Garten- und Außenarbeiten flexibel, sobald eine mehrtägige Schönwetterphase angekündigt ist, denn diese Fenster sind begrenzt. Und schütze drittens empfindliche Pflanzen trotz Wärme rechtzeitig, weil auf den warmen Tagen sehr klare, kalte Nächte folgen können. Die starke Taubildung am Morgen ist ein gutes Zeichen für stabiles Hochdruckwetter, aber gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass die Nächte schon empfindlich abkühlen.

Merkmal Was es bedeutet
Zeitraum meist Mitte September bis Anfang Oktober, im Alpenraum bis Mitte Oktober
Ursache Festlandshoch oder Hochdruckbrücke von den Azoren nach Osteuropa
Wahrscheinlichkeit rund 80 Prozent in der letzten Septemberwoche (DWD)
Erkennungszeichen warme Tage, kühle Nächte, Tau, schwebende Spinnfäden
Garten-Nutzen letztes Fenster zum Pflanzen, Teilen, Mähen

So wird aus einer alten Wetterweisheit eine handfeste Planungshilfe für die letzten warmen Wochen des Jahres.

Weiterführende Links

Deutscher WetterdienstWetterlexikon Altweibersommerdwd.de
Deutscher WetterdienstThema des Tages zum Altweibersommerdwd.de
WikipediaSpinnenflug (Ballooning)de.wikipedia.org