Liegen weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner, ist das Gewitter näher als zehn Kilometer und du gehörst in ein festes Gebäude oder ins Auto. Das ist der Kern der 30/30-Regel, der wichtigsten Faustformel für Gewitter. Im Schnitt töten Blitze laut Statistik des VDE jedes Jahr vier Menschen in Deutschland, weitere rund 110 werden verletzt. Die meisten dieser Unfälle passieren nicht durch Pech, sondern durch falsches Verhalten: zu spät Schutz gesucht, sich unter den falschen Baum gestellt, im offenen Cabrio sitzen geblieben. Hier erfährst du, was die 30/30-Regel genau bedeutet, warum das Auto sicherer ist als die meisten denken, warum die alte Baumregel lebensgefährlich ist und wie du dich im Freien richtig verhältst, wenn du es nicht mehr unter ein Dach schaffst.

Wie gefährlich ein Blitz wirklich ist

Ein Blitz ist kurzzeitig bis zu 30.000 Grad heiß, etwa fünfmal so heiß wie die Oberfläche der Sonne mit ihren rund 6.000 Grad. Die Stromstärke erreicht bis zu 30.000 Ampere, in Extremfällen ein Vielfaches davon. Diese Energie entlädt sich in Sekundenbruchteilen, und sie sucht sich immer den höchsten und am besten leitenden Punkt in der Umgebung. Genau deshalb ist die Frage, wo du dich befindest, oft wichtiger als die Frage, wie stark das Gewitter ist.

Der Unterausschuss Statistik des VDE wertet seit dem Jahr 2000 systematisch Berichte über Blitzunfälle mit Personenschaden aus. Im langjährigen Mittel zählt er 52 solcher Unfälle pro Jahr, also etwa einen pro Woche in der Gewittersaison. Bei jedem dieser Unfälle werden im Schnitt drei Personen getroffen. Die Jahre schwanken stark: 2012 starben 16 Menschen, das war der traurige Höchstwert, und es gab 97 Unfälle. Die meisten Verletzten verzeichnete der VDE 2008 mit 256 Personen.

Kennzahl Jahresdurchschnitt Höchstwert
Tote durch Blitzschlag 4 16 (2012)
Verletzte 110 256 (2008)
Blitzunfälle mit Personenschaden 52 97 (2012)
Betroffene pro Unfall 3 4,9 (2007)

Tödlich ist dabei selten der direkte Treffer allein. Häufiger sind der Seitenüberschlag, bei dem der Strom von einem getroffenen Baum auf eine danebenstehende Person überspringt, und die Schrittspannung, bei der sich der Blitzstrom über den Boden ausbreitet und über die Beine durch den Körper fließt. Beide Effekte wirken auf mehrere Meter Entfernung. Wer denkt, ein Sicherheitsabstand von zwei, drei Schritten zum Baum reiche, unterschätzt die Gefahr deutlich.

Was die 30/30-Regel bedeutet

Die 30/30-Regel besteht aus zwei Hälften. Die erste betrifft den Abstand zwischen Blitz und Donner: Zählst du nach dem Blitz weniger als 30 Sekunden, bis du den Donner hörst, ist das Gewitter näher als zehn Kilometer und damit in deinem Gefahrenbereich. Du solltest dann sofort einen sicheren Ort aufsuchen. Die zweite Hälfte betrifft das Ende: Nach dem letzten Donner wartest du noch 30 Minuten, bevor du den Schutz wieder verlässt. Blitze können auch aus dem abziehenden Teil der Gewitterwolke noch kilometerweit vorausschlagen, in den scheinbar sicheren, schon helleren Himmel hinein.

Die Entfernung lässt sich grob berechnen, weil sich Licht praktisch sofort ausbreitet, der Schall aber nur rund 343 Meter pro Sekunde zurücklegt. Du teilst die gezählten Sekunden durch drei und erhältst die ungefähre Entfernung in Kilometern.

Sekunden Blitz bis Donner Entfernung (ca.) Was du tun solltest
unter 10 unter 3 km Akute Gefahr, sofort in Sicherheit
10 bis 30 3 bis 10 km Gefahrenbereich, Schutz aufsuchen
über 30 über 10 km Noch Zeit, aber wachsam bleiben

So-what an dieser Stelle: Die 30/30-Regel kostet dich nichts außer einer halben Stunde Geduld, und genau diese halbe Stunde ist der häufigste Fehler. Viele Unfälle passieren, weil Menschen nach dem letzten kräftigen Donner zu früh wieder aufs Feld, auf den Platz oder aufs offene Wasser zurückkehren.

Im langjährigen Schnitt töten Blitze in Deutschland vier Menschen pro Jahr, rund 110 werden verletzt: die meisten durch Seitenüberschlag oder Schrittspannung, nicht durch den direkten Treffer.
Im langjährigen Schnitt töten Blitze in Deutschland vier Menschen pro Jahr, rund 110 werden verletzt: die meisten durch Seitenüberschlag oder Schrittspannung, nicht durch den direkten Treffer.

Warum das Auto sicherer ist, als du denkst

Das Auto ist einer der sichersten Orte im Gewitter, und der Grund dafür wird fast immer falsch erklärt. Verbreitet ist die Annahme, die Gummireifen würden isolieren und den Wagen vom Boden trennen. Das ist Unsinn. Gegen die Spannung eines Blitzes, die mehrere Millionen Volt erreichen kann, sind ein paar Zentimeter Gummi völlig bedeutungslos. Der Schutz kommt aus einer ganz anderen Richtung: Die geschlossene Metallkarosserie wirkt als faradayscher Käfig. Der Strom fließt außen über die Hülle herum, der Innenraum bleibt nahezu feldfrei.

Tatsächlich leiten die Reifen den Strom sogar mit ab, nur eben nicht über den Gummi. Der Blitzstrom wandert laut DWD über die Karosserie nach unten und gelangt über die Stahlgürtel im Inneren der Reifen in den Boden. Dabei kann ein Reifen platzen, die Antenne anschmelzen oder die Elektronik Schaden nehmen. Den Insassen passiert in aller Regel nichts. Entscheidend ist nur, dass die Hülle wirklich geschlossen ist. Im Cabrio musst du das Verdeck komplett schließen, dann übernimmt die Metallspriegelung im Verdeckgestänge die Schutzfunktion. Beim Wohnmobil gehört das 230-Volt-Kabel nach außen abgezogen, weil sonst eine Überspannung ins Bordnetz schlagen kann.

Nach einem Einschlag empfiehlt der ADAC, keine Metallteile zu berühren, die mit der Karosserie verbunden sind, und Fenster sowie Schiebedach geschlossen zu halten. Ein offenes Motorrad oder Fahrrad bietet diesen Schutz nicht. Wer mit dem Rad unterwegs ist, sollte absteigen, mindestens einen Meter Abstand zum Rad halten und Schutz unter einer Brücke oder einem festen Vordach suchen, nicht unter einem Baum.

Warum die alte Baumregel lebensgefährlich ist

Kaum eine Gewitterweisheit hält sich so hartnäckig wie "Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen". Sie suggeriert, dass man sich bei Gewitter gefahrlos unter eine Buche stellen darf. Das ist falsch und im Ernstfall tödlich. Es sind bereits Menschen unter Buchen vom Blitz erschlagen worden, obwohl der Baum selbst keine sichtbare Beschädigung aufwies.

Der Irrtum stammt aus einer Verwechslung von Ursache und Sichtbarkeit. Eichen haben eine raue, tief gefurchte Rinde. Schlägt ein Blitz ein, sucht der Strom seinen Weg durch das wasserführende Holz im Stamm, das Wasser verdampft schlagartig, und der Stamm reißt sichtbar auf. Buchen haben eine glatte Rinde, an der Regenwasser außen herabläuft. Der Blitz fließt häufig über diesen Wasserfilm ab, ohne den Stamm zu sprengen. Das Ergebnis: Eingeschlagene Eichen sieht man, eingeschlagene Buchen oft nicht. Aus dieser fehlenden Spur wurde der falsche Schluss gezogen, in Buchen schlage seltener der Blitz ein. Statistisch trifft es beide Baumarten ungefähr gleich oft.

Für dich heißt das schlicht: Jeder einzeln stehende oder hoch aufragende Baum ist im Gewitter ein Risiko, unabhängig von der Sorte. Auch Waldränder und Lichtungen mit einzelnen hohen Bäumen sind gefährlich. Ein dichter, gleichmäßig hoher Wald ist deutlich weniger riskant als ein Solitärbaum auf der Wiese, weil dort kein einzelner Punkt herausragt. Aber als Schutz gegen den Blitz taugt kein Baum.

Der VDE empfiehlt im Freien mindestens 10 Meter Abstand zu jedem Baum und mindestens 1 bis 3 Meter zu Masten, Zäunen und anderen Personen.
Der VDE empfiehlt im Freien mindestens 10 Meter Abstand zu jedem Baum und mindestens 1 bis 3 Meter zu Masten, Zäunen und anderen Personen.

Was du tun kannst, wenn du im Freien erwischt wirst

Wenn du es nicht mehr in ein festes Gebäude oder Auto schaffst, geht es darum, den höchsten Punkt nicht selbst zu bilden und den Stromfluss durch deinen Körper zu minimieren. Der VDE empfiehlt eine konkrete Notfallhaltung: in die Hocke gehen, die Füße eng zusammenstellen, die Arme um die Knie schlingen und den Kopf einziehen. Die geschlossenen Füße verringern die Schrittspannung, also die gefährliche Spannungsdifferenz, die der Boden zwischen zwei auseinanderstehenden Füßen aufbaut. Hinlegen ist falsch, weil dein Körper dann eine große Kontaktfläche zum Boden bildet.

Beim Abstand gibt der VDE klare Zahlen vor: mindestens zehn Meter zu allen Bäumen und Ästen, mindestens einen Meter, besser drei Meter zu Masten, Wänden, Metallzäunen und auch zu anderen Personen. Letzteres überrascht viele. Steht ihr als Gruppe eng zusammen, kann der Strom von einem Getroffenen auf den Nächsten überspringen. Lieber Abstand halten.

Situation Falsch Richtig
Offenes Feld stehen bleiben, weiterlaufen in die Hocke, Füße zusammen
Einzelner Baum darunter unterstellen mindestens 10 m Abstand
Gruppe eng zusammenrücken je 3 m Abstand halten
See, Fluss, Pool im Wasser bleiben sofort raus, ans Ufer
Regenschirm, Wanderstock aufgespannt tragen ablegen, niedrig halten

Wasser ist besonders tückisch. Es leitet sehr gut, und im See oder Pool ragst du als schwimmende Person aus einer ebenen Fläche heraus. Bei aufziehendem Gewitter heißt es deshalb sofort raus und weg vom Ufer. Metallene Gegenstände wie ein aufgespannter Schirm, Wanderstöcke oder Golfschläger machen dich zum höchsten Punkt und gehören abgelegt.

Und der Blitz schlägt nicht nur draußen ein. Trifft er ein Haus oder die Stromleitung in der Nähe, jagt eine Überspannung durch die Steckdosen und kann teure Elektronik zerstören, vom Fernseher bis zur Heizungssteuerung. Ein einziger naher Einschlag kann so Schäden im vierstelligen Bereich anrichten. Wer einen Überspannungsschutz in der Verteilung hat oder im Gewitter empfindliche Geräte vom Netz nimmt, ist auf der sicheren Seite. Fällt nach einem Einschlag der Strom aus, hilft dir die Übersicht unter was tun bei Stromausfall weiter.

Weiterführende Links

VDEBlitzunfälle und Blitzschäden (Statistik)vde.com
VDEBlitzschutz im Freien, in der Freizeit und beim Sportvde.com
ADACGewitter und Blitz beim Autofahrenadac.de