Das Manhattan-Projekt war das größte und teuerste Wissenschaftsprojekt des Zweiten Weltkriegs. Hinter der Atombombe steckte kein einzelner Kopf, sondern ein ganzes Netzwerk aus Physikern, Ingenieuren und Militärs, die unter extremem Druck arbeiteten. Aber wie kam es überhaupt dazu, und wer trug die entscheidende Rolle?

Der Anstoß: Einsteins Brief und die Angst vor Nazi-Deutschland

Den Startschuss gab nicht eine Regierung, sondern ein Brief. Im August 1939 schrieb Albert Einstein, auf Drängen seines Kollegen Leo Szilard, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Darin warnte er: Deutschland könnte kurz davor stehen, eine Bombe auf Basis von Kernspaltung zu entwickeln. Der Gedanke, dass Hitler als Erster über eine solche Waffe verfügt, war für viele Wissenschaftler, viele davon selbst Flüchtlinge aus Europa, unerträglich.

Roosevelt reagierte. Zunächst mit kleinen Forschungsprogrammen, dann, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941, mit vollem Einsatz. Das Manhattan-Projekt nahm Fahrt auf.

Das Budget wuchs auf umgerechnet rund zwei Milliarden US-Dollar bis 1945. Über 130.000 Menschen arbeiteten zeitweise daran, die meisten ohne zu wissen, woran sie beteiligt waren.

J. Robert Oppenheimer: Der wissenschaftliche Kopf

Wenn du eine einzige Person mit der Atombombe verbindest, dann ist es J. Robert Oppenheimer. Der Physiker aus New York übernahm 1942 die wissenschaftliche Leitung des Projekts. Sein Auftrag: das gesamte theoretische und praktische Wissen zu bündeln und in eine funktionsfähige Waffe umzusetzen.

Oppenheimer war kein Militär, sondern ein brillanter Wissenschaftsorganisator. Er holte die besten Köpfe der Zeit nach Los Alamos, New Mexico, einem abgelegenen Plateau in der Wüste, das zur geheimen Forschungshauptstadt wurde. Das Ziel war klar, der Weg dorthin aber alles andere als einfach.

Neben Oppenheimer arbeiteten unter anderem Enrico Fermi, der 1942 in Chicago die erste kontrollierte Kernkettenreaktion auslöste, sowie Niels Bohr, der unter dem Decknamen "Nicholas Baker" ins Projekt eingebunden wurde. Theoretische Grundlagen lieferten auch Hans Bethe, Edward Teller und viele weitere.

Das Manhattan-Projekt beschäftigte über 130.000 Menschen und kostete umgerechnet rund 2 Milliarden US-Dollar
Das Manhattan-Projekt beschäftigte über 130.000 Menschen und kostete umgerechnet rund 2 Milliarden US-Dollar

Zwei Konstruktionsprinzipien, zwei Bomben

Im Kern basieren beide im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Atombomben auf der gleichen Idee: Kernspaltung setzt in Bruchteilen einer Sekunde enorme Mengen Energie frei. Aber die Umsetzung unterschied sich grundlegend.

Eigenschaft Little Boy Fat Man
Spaltmaterial Uran-235 Plutonium-239
Konstruktionsprinzip Kanonenrohr-Methode Implosionsprinzip
Sprengkraft ca. 15 Kilotonnen TNT ca. 21 Kilotonnen TNT
Abwurf 6. August 1945, Hiroshima 9. August 1945, Nagasaki
Gewicht ca. 4.000 kg ca. 4.600 kg

"Little Boy" war technisch einfacher, verbrauchte aber wertvolles Uran-235, das schwer anzureichern war. "Fat Man" nutzte Plutonium und das kompliziertere Implosionsprinzip, war dafür effizienter. Letzteres wurde beim Trinity-Test am 16. Juli 1945 in der Wüste New Mexicos erstmals gezündet, mit einer Sprengkraft, die alle Beteiligten überwältigte.

Oppenheimer soll beim Anblick des Pilzes die Zeile aus der hinduistischen Schrift Bhagavad-Gita zitiert haben: "Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten."

Die Entscheidung: Von der Waffe zum Einsatz

Die wissenschaftliche Arbeit endete mit dem Trinity-Test. Was danach folgte, war eine politische Entscheidung. Präsident Harry S. Truman, der Roosevelt im April 1945 als Präsident abgelöst hatte, ordnete den Einsatz an. Am 6. August 1945 fiel "Little Boy" auf Hiroshima, drei Tage später "Fat Man" auf Nagasaki.

Die Schätzungen zu den unmittelbaren Todesopfern variieren. In Hiroshima starben bis Jahresende 1945 schätzungsweise 90.000 bis 140.000 Menschen, in Nagasaki 60.000 bis 80.000. Hinzu kamen Langzeitfolgen durch Strahlung, die noch Jahrzehnte nachwirkten.

Viele der beteiligten Wissenschaftler äußerten im Nachhinein Zweifel oder Reue. Oppenheimer selbst sprach sich später gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe aus und geriet in Konflikt mit der US-Regierung.

Das nukleare Erbe: Wettrüsten und Nichtverbreitung

Die Entwicklung der Atombombe durch die USA blieb kein Monopol. Die Sowjetunion testete 1949 ihre erste Bombe, was den nuklearen Wettlauf des Kalten Krieges eröffnete. Seither haben weitere Staaten das Programm nachgebaut oder eigenständig entwickelt.

Land Erster Atomtest
USA 1945
Sowjetunion 1949
Großbritannien 1952
Frankreich 1960
China 1964
Indien 1974
Pakistan 1998
Nordkorea 2006

Als Reaktion auf die wachsende Verbreitung trat 1970 der Atomwaffensperrvertrag (NPT) in Kraft, dem heute 191 Staaten angehören. Er verpflichtet Nicht-Atommächte zum Verzicht und die Atommächte zur schrittweisen Abrüstung. In der Praxis bleibt er ein Kompromiss mit begrenzter Wirkung: Die Zahl der weltweiten Atomsprengköpfe lag 2025 bei rund 12.000.

Was bleibt: Eine Waffe, die die Welt neu ordnete

Die Atombombe war kein Werk eines einzelnen Genies. Sie entstand aus dem kollektiven Wissen von Hunderten Wissenschaftlern, dem politischen Willen einer Großmacht und dem historischen Druck des Krieges. Oppenheimer steht zu Recht als Symbol dafür, aber er wäre ohne Fermi, Bohr, Szilard, Teller und viele andere nicht weit gekommen.

Was das Projekt bleibt, ist ein Wendepunkt: technisch, politisch, moralisch. Seitdem definiert die Möglichkeit gegenseitiger Vernichtung die Außenpolitik der großen Mächte. Das Gleichgewicht des Schreckens hat seitdem jeden großen Krieg zwischen Atommächten verhindert, ob das ein tragfähiger Zustand ist, bleibt eine offene Frage.

Weiterführende Links

Atomic Heritage Foundationatomicheritage.org →Manhattan Project
Bundesministerium für Bildung und Forschungbmbf.de →Kernenergie und nukleare Sicherheit