Männer gehen häufiger fremd als Frauen. Dieses Bild sitzt tief, es taucht in Filmen auf, in Stammtischgesprächen, in Ratgeberkolumnen. Aber stimmt es? Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich nuancierteres Bild. Und das ist keine Beruhigungspille, sondern ein Blick auf das, was Daten tatsächlich zeigen.

Was Studien wirklich sagen

Die meistzitierten Zahlen kommen aus den USA. Das General Social Survey, eine Langzeitstudie der Universität Chicago, befragt seit Jahrzehnten Amerikaner zu ihrem Sexualleben. Ergebnis: Rund 20 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen gaben an, mindestens einmal in einer Partnerschaft fremdgegangen zu sein.

Das klingt nach einem klaren Vorsprung für Männer. Aber der Kontext fehlt. Die Lücke zwischen den Geschlechtern schrumpft mit jeder neuen Erhebungswelle. Bei den unter 45-Jährigen sind die Werte heute annähernd gleich, in manchen Altersgruppen liegen Frauen sogar leicht vorne.

Was die Zahlen außerdem verzerrt: Männer übertreiben beim Berichten von Sexualpartnern tendenziell eher nach oben, Frauen eher nach unten. Das ist kein Vorwurf, sondern ein dokumentiertes psychologisches Muster namens soziale Erwünschtheit. Wer sich schämt, gibt weniger an, wer angeben will, gibt mehr an.

Jüngere Generationen zeigen kaum noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Fremdgehen
Jüngere Generationen zeigen kaum noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Fremdgehen

Motive: Warum Menschen fremdgehen

Fremdgehen ist selten eine spontane Entscheidung ohne Hintergrund. Forscher unterscheiden grob zwischen zwei Typen von Untreue: emotionaler und physischer. Die Annahme, Männer suchten hauptsächlich Sex und Frauen emotionale Nähe, ist ebenfalls vereinfacht. Beide Motive kommen bei beiden Geschlechtern vor, der Schwerpunkt variiert je nach Persönlichkeit, nicht nach Geschlecht.

Was sich in Studien als verlässlicher Risikofaktor herauskristallisiert:

Auffällig: Keiner dieser Faktoren ist geschlechtsspezifisch. Sie treffen Männer und Frauen gleichermaßen.

Der Einfluss von Kultur und Generation

Nicht überall wird Untreue gleich definiert, gelebt oder eingestanden. In Gesellschaften mit starker Geschlechterungleichheit gehen Männer statistisch häufiger fremd, und das Verhalten wird sozial eher toleriert. Frauen, die fremdgehen, riskieren dort deutlich härtere gesellschaftliche Sanktionen, was die Bereitschaft senkt, es zuzugeben.

In Ländern mit hoher Gleichstellung, etwa Skandinavien oder den Niederlanden, gleichen sich die Zahlen stärker an. Das deutet darauf hin: Nicht Biologie bestimmt den Unterschied, sondern gesellschaftliche Erlaubnis.

Auch die Generation spielt eine Rolle. Ältere Befragte zeigen größere Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Bei den Millennials und der Generation Z ist der Abstand kaum noch messbar. Das liegt auch daran, dass jüngere Frauen ökonomisch unabhängiger sind und sexuelle Selbstbestimmung gesellschaftlich akzeptierter ist.

Technologie als Katalysator

Dating-Apps haben die Gelegenheitsstruktur für Untreue fundamental verändert. Eine Affäre zu beginnen erfordert heute weniger Aufwand als früher. Das Handy reicht, Diskretion ist einfacher herzustellen, und der erste Kontakt bleibt anonym.

Daten zur Nutzung von Dating-Apps in festen Beziehungen zeigen ein aufschlussreiches Bild:

Altersgruppe Anteil Nutzer in fester Beziehung
18 bis 24 Jahre 25 %
25 bis 34 Jahre 32 %
35 bis 44 Jahre 35 %
45 bis 54 Jahre 29 %
55 Jahre und älter 22 %

Die höchsten Werte finden sich ausgerechnet in der Altersgruppe ab 35. Ein möglicher Grund: In dieser Phase haben viele Paare Kinder, stehen beruflich unter Druck und berichten von sinkender Beziehungsqualität. Die App wird dann nicht unbedingt zur Affäre genutzt, aber die Schwelle sinkt.

Wichtig: Eine Dating-App-Nutzung bedeutet nicht automatisch Untreue. Manche Paare leben in offenen Beziehungsmodellen, andere erkunden, ohne zu handeln. Aber das Gelegenheitsfenster ist offener als je zuvor.

Was wirklich über Treue entscheidet

Die Frage "Wer geht öfter fremd?" lenkt ein bisschen davon ab, was Forschung und Paartherapeuten übereinstimmend betonen: Untreue ist fast immer ein Symptom, kein Ursprung. Sie entsteht dort, wo Kommunikation fehlt, Bedürfnisse unausgesprochen bleiben, und Distanz sich schleichend aufbaut.

Der stärkste Schutzfaktor gegen Fremdgehen ist laut Studien nicht Moral, nicht Kontrolle, sondern Beziehungsqualität. Paare, die regelmäßig über Unzufriedenheit sprechen, zeigen deutlich niedrigere Untreueraten, unabhängig vom Geschlecht.

Das bedeutet nicht, dass Fremdgehen immer mit einer schlechten Beziehung erklärt werden kann. Manche Menschen gehen fremd, obwohl sie glücklich sind. Impulsivität, Gelegenheit und ein bestimmter Persönlichkeitsstil spielen dann eine größere Rolle. Aber das ist die Ausnahme.

Fazit

Männer gehen im Bevölkerungsdurchschnitt etwas häufiger fremd als Frauen. Aber der Unterschied ist kleiner als angenommen, schwindet mit jüngeren Generationen fast vollständig, und erklärt sich zu einem erheblichen Teil durch soziale Normen statt durch biologische Unterschiede. Wer fremdgeht, tut das aus Gründen, die wenig mit dem Geschlecht und viel mit der Beziehungssituation, dem Persönlichkeitsprofil und der Gelegenheit zu tun haben.

Wenn dich interessiert, warum speziell Männer fremdgehen und welche Muster dabei zu beobachten sind, findest du dazu mehr im Artikel Warum gehen Männer fremd?

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