Ein Schlaganfall zeigt sich bei Frauen häufig anders als bei Männern. Statt der klassischen halbseitigen Lähmung oder der verwaschenen Sprache stehen bei Frauen oft unspezifische Zeichen im Vordergrund: plötzliche Übelkeit, starker Schwindel, Verwirrtheit, schwere Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit. Rund 20.750 Frauen starben 2022 in Deutschland an einem Schlaganfall, deutlich mehr als Männer mit rund 16.550 Sterbefällen. Die Gendermedizin arbeitet seit wenigen Jahren daran, diese Lücke zu schließen. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung, er zeigt dir aber, welche Symptome du kennen solltest, warum der FAST-Test bei Frauen oft zu spät anschlägt und wie du im Notfall richtig reagierst.

Die typischen und atypischen Symptome im Überblick

Klassische Schlaganfall-Zeichen wie Gesichtslähmung, Armschwäche oder Sprachstörung treten bei beiden Geschlechtern auf. Bei Frauen kommen jedoch häufiger Beschwerden dazu, die nicht sofort an das Gehirn denken lassen. Das Universitätsklinikum Charité und die Deutsche Hirnstiftung haben wiederholt darauf hingewiesen, dass bis zu jede dritte Schlaganfall-Patientin zunächst mit unspezifischen Symptomen in die Notaufnahme kommt.

Symptom Typisch bei Männern Häufig(er) bei Frauen Worauf du achtest
Halbseitige Gesichtslähmung Ja Ja Mundwinkel hängt, ein Auge schließt nicht
Arm- oder Beinschwäche auf einer Seite Ja Ja Arm sinkt nach unten, Bein knickt ein
Verwaschene oder fehlende Sprache Ja Ja Wörter fehlen, Sätze ergeben keinen Sinn
Plötzliche Übelkeit, Erbrechen Seltener Häufiger Ohne Magen-Darm-Vorgeschichte
Starker Drehschwindel Seltener Häufiger Treppe, Gehen, Stehen nicht möglich
Plötzliche Verwirrtheit Seltener Häufiger Person wirkt abwesend, findet Worte nicht
Heftiger Kopfschmerz aus dem Nichts Möglich Häufiger Neuartig, sehr stark, "wie noch nie"
Kurzatmigkeit, Brustenge Selten Häufiger Fühlt sich wie Herzinfarkt an
Schluckbeschwerden, Schluckauf Selten Häufiger Beim Trinken verschluckt sich die Person
Sehstörung auf einem Auge, Doppelbilder Möglich Häufiger Verschwommen, halbes Sichtfeld fehlt

Die Kombination entscheidet. Eine junge Frau mit plötzlichem Schwindel und Übelkeit denkt an eine Migräne oder einen Magen-Darm-Infekt. Kommt Verwirrtheit oder ein kurzer Sehausfall dazu, gehört der Fall in die Notaufnahme, nicht ins Bett. Laut Deutscher Schlaganfall-Hilfe warten Frauen im Schnitt 30 Minuten länger bis zum Notruf als Männer.

Warum Frauen oft später behandelt werden

Die Ursache der Verzögerung liegt auf zwei Ebenen. Einerseits deuten Frauen ihre Symptome selbst häufig um. Übelkeit wird als Kreislauf, Kopfschmerz als Stress, Schwindel als Schlafmangel erklärt. Andererseits denkt auch das medizinische Umfeld bei Frauen seltener an einen Schlaganfall. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zeigte 2023, dass Frauen mit unspezifischen Beschwerden häufiger zunächst internistisch oder psychiatrisch abgeklärt wurden, bevor ein Neurologe dazukam.

Ein zweiter Grund ist biologisch. Frauen erleiden öfter Schlaganfälle, bei denen ein Blutgerinnsel aus dem Herzen (etwa bei Vorhofflimmern) ins Gehirn wandert. Solche kardioembolischen Schlaganfälle treffen häufiger Regionen, die für Gleichgewicht, Koordination und vegetative Funktionen zuständig sind. Die Symptome sind dann breiter, weniger klassisch einseitig, dafür oft schwerer.

Der Zeitverlust kostet Gewebe. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe formuliert es so: "Time is brain." Pro Minute ohne Blutversorgung sterben rund 1,9 Millionen Nervenzellen ab. Das Zeitfenster für eine medikamentöse Auflösung des Gerinnsels (Lyse) liegt bei 4,5 Stunden, in Ausnahmefällen etwas länger. Für die mechanische Entfernung (Thrombektomie) gilt in der Regel ein Fenster von bis zu 24 Stunden, die besten Ergebnisse liegen aber deutlich früher.

Frauen warten im Schnitt 30 Minuten länger bis zum Notruf 112 als Männer, obwohl jede Minute rund 1,9 Millionen Nervenzellen absterben
Frauen warten im Schnitt 30 Minuten länger bis zum Notruf 112 als Männer, obwohl jede Minute rund 1,9 Millionen Nervenzellen absterben

Spezifische Risikofaktoren für Frauen

Neben den klassischen Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und Vorhofflimmern gibt es bei Frauen eine Reihe von Faktoren, die es bei Männern so nicht gibt. Sie hängen fast alle mit Hormonen zusammen.

Hormonelle Verhütung. Kombinierte Pillen mit Östrogen erhöhen das Schlaganfallrisiko um etwa das 2,5-Fache. In Kombination mit Rauchen oder Migräne mit Aura steigt der Faktor weiter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät Frauen mit Migräne mit Aura grundsätzlich von östrogenhaltigen Pillen ab. Reine Gestagen-Präparate erhöhen das Risiko nicht nennenswert.

Schwangerschaft und Geburt. In der Spätschwangerschaft und in den ersten sechs Wochen nach der Geburt ist das Schlaganfallrisiko erhöht. Auslöser sind Bluthochdruck, Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) oder eine erhöhte Gerinnungsneigung. Wer in einer Schwangerschaft Bluthochdruck entwickelt, hat auch lange danach ein höheres Schlaganfallrisiko. Frauen mit Früh- oder Totgeburten gelten ebenfalls als Risikogruppe.

Menopause. Die Wechseljahre verschieben die hormonelle Balance. Eine späte Menopause (ab 55 Jahren) erhöht das Risiko, ebenso eine sehr frühe (vor 45 Jahren). Hormonersatztherapien mit Östrogen in Tablettenform steigern das Risiko stärker als Pflaster oder Gele. Die Entscheidung gehört in ärztliche Hand.

Migräne mit Aura. Frauen mit dieser Migräneform haben ein etwa doppelt so hohes Schlaganfallrisiko wie Frauen ohne Aura. Kombiniert mit Rauchen und hormoneller Verhütung steigt der Faktor auf bis zu das 6,3-Fache. Aura bedeutet, dass vor oder während der Kopfschmerzen Sehstörungen, Kribbeln oder Sprachprobleme auftreten.

Vorhofflimmern. Diese Herzrhythmusstörung tritt bei älteren Frauen häufiger auf als bei gleichaltrigen Männern. Sie verursacht rund 20 bis 30 Prozent aller Schlaganfälle im höheren Alter. Ein Check per EKG gehört ab 65 Jahren dazu.

Der FAST- bzw. BE-FAST-Test im Detail

Der FAST-Test ist seit Jahren Standard in der Laienerstversorgung. FAST steht für Face, Arms, Speech, Time. Er erfasst die klassischen Warnzeichen gut, greift aber bei Frauen häufiger zu kurz, weil Gleichgewichts- und Sehstörungen nicht Teil des Tests sind. Deshalb empfehlen Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie zunehmend die erweiterte Variante BE-FAST.

Buchstabe Bedeutung Was du prüfst
B Balance Kann die Person gerade stehen oder gehen? Schwankt sie?
E Eyes Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Sichtfeldausfall?
F Face Bitte sie zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel?
A Arms Beide Arme nach vorne heben und halten. Sinkt einer ab?
S Speech Lass sie einen Satz nachsprechen. Verwaschen oder unklar?
T Time Sofort Notruf 112. Nicht abwarten.

Schon ein einziges auffälliges Zeichen reicht für den Notruf. Du musst keine Diagnose stellen. Die Aufgabe im Notfall ist nicht, sicher zu sein, sondern schnell zu sein. Bei Frauen können die klassischen FAST-Zeichen fehlen, obwohl ein Schlaganfall vorliegt. Verlasse dich deshalb nie auf einen "bestandenen" FAST-Test, wenn die Person unerklärlich verwirrt, extrem schwindelig oder plötzlich mit starken Kopfschmerzen im Bett liegt.

Der BE-FAST-Test erweitert den klassischen FAST um Balance und Eyes, weil bei Frauen Gleichgewichts- und Sehstörungen häufiger auftreten
Der BE-FAST-Test erweitert den klassischen FAST um Balance und Eyes, weil bei Frauen Gleichgewichts- und Sehstörungen häufiger auftreten

Was du im Notfall tun musst

Ruf die 112. Nicht den Hausarzt, nicht die Familie, nicht den Fahrdienst. Der Rettungsdienst bringt die Person in die nächste Stroke Unit, in Deutschland gibt es über 340 davon. Nur dort sind die Voraussetzungen für eine Lyse oder Thrombektomie gegeben.

Bleib bis zum Eintreffen des Rettungswagens bei der Person. Lagere sie mit leicht erhöhtem Oberkörper (etwa 30 Grad), wenn sie bei Bewusstsein ist. Öffne enge Kleidung. Gib ihr nichts zu trinken oder zu essen, weil Schluckstörungen sehr häufig sind und Erbrechen droht. Notiere dir den Zeitpunkt, an dem die Symptome begonnen haben oder an dem die Person zuletzt beschwerdefrei gesehen wurde. Diese Information entscheidet später mit, ob eine Lyse möglich ist.

Nenne dem Disponenten der 112 klar: "Verdacht auf Schlaganfall." Beschreibe die Symptome knapp. Scheu dich nicht, auch unspezifische Zeichen zu melden, Schwindel, Übelkeit, Verwirrtheit, plötzliche Kopfschmerzen. Der Disponent entscheidet, nicht du. Wenn die Person ablehnt, wartest du nicht ab. Viele Schlaganfall-Patientinnen verharmlosen ihre Beschwerden oder sind durch die Durchblutungsstörung bereits nicht mehr urteilsfähig. Ruf trotzdem an.

Nach der Akutphase beginnt die Nachsorge. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe bietet kostenlose Beratungstelefone und hilft bei Anträgen zur Rehabilitation. Wer einen Schlaganfall hatte, lebt mit einem erhöhten Wiederholungsrisiko und sollte Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Herzrhythmus engmaschig im Blick behalten. Bei Frauen kommt die Frage nach hormoneller Verhütung oder Hormonersatztherapie dazu. Das gehört in die Hand einer Neurologin und einer Gynäkologin gemeinsam.

Weiterführende Links

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfeschlaganfall-hilfe.de →Symptome und Notfall
Deutsche Hirnstiftunghirnstiftung.org →Schlaganfall bei Frauen
Deutsche Gesellschaft für Neurologiedgn.org →Leitlinien Schlaganfall