Im April 2026 rasselte Aurora Weizenmehl Vollkorn bei Ökotest mit der Note "mangelhaft" durch den Test. Der Grund: erhöhte Rückstände von aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen, kurz MOAH. Diese Stoffgruppe steht im Verdacht, krebserregend und erbgutverändernd zu wirken. Der Fall ist kein Einzelfall. Foodwatch fand 2024 in 12,5 Prozent von 152 getesteten Produkten aus fünf europäischen Ländern Spuren von Mineralöl. Betroffen waren unter anderem Brühwürfel, Schokocremes und Speisefette. Hier erfährst du, in welchen Lebensmitteln Mineralöl typischerweise vorkommt, wie es ins Essen gelangt und welche Rolle die neuen EU-Grenzwerte spielen.
MOSH und MOAH: Was ist der Unterschied?
Mineralöl in Lebensmitteln ist kein einzelner Stoff, sondern ein Gemisch aus hunderten Kohlenwasserstoffen. Für die Risikobewertung unterscheidet man zwei Hauptgruppen.
MOSH steht für Mineral Oil Saturated Hydrocarbons, also gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe. Sie sind chemisch stabil und reichern sich nach Tierstudien in Leber, Milz und Fettgewebe an. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gab 2023 Entwarnung für die aktuelle Belastung der erwachsenen Bevölkerung. Bei Kleinkindern sieht sie in Worst-Case-Szenarien aber weiter Handlungsbedarf.
MOAH steht für Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons, aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe. Besonders problematisch sind Moleküle mit drei oder mehr aromatischen Ringen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stuft Teile dieser Gruppe als mutagen und krebserregend ein. Für krebserregende Stoffe gibt es keine sichere Aufnahmemenge. Das Ziel lautet daher: keine nachweisbare Aufnahme.
Die tägliche Belastung der erwachsenen Bevölkerung in Europa hat sich laut EFSA-Daten seit 2012 etwa halbiert. Erwachsene nehmen aktuell zwischen 9 und 50 Mikrogramm MOSH sowie 0,4 bis 13 Mikrogramm MOAH pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf. Kinder erreichen 2- bis 5-fach höhere Werte.
Betroffene Lebensmittel im Überblick
Mineralöl wurde in sehr unterschiedlichen Produktgruppen nachgewiesen. Besonders häufig betroffen sind Trockenware mit großer Oberfläche wie Mehl, Gries, Reis und Cerealien. Auch fettreiche Produkte wie Schokolade, Speiseöle und Nusscremes zeigen regelmäßig Auffälligkeiten. Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl aktueller Befunde.
| Produktgruppe | Beispiele aus Tests | Testquelle | Stand |
|---|---|---|---|
| Vollkornmehl | Aurora Weizen (mangelhaft), Bio Sonne Dinkel (ungenügend) | Ökotest Heft 4/2026 | 2026 |
| Brühwürfel | Knorr (bis 82 mg/kg MOAH) | Foodwatch-Report | 2024 |
| Schokocreme | Nutella, Nusspli (MOAH nachweisbar) | Foodwatch-Report | 2024 |
| Schokolade | MOSH bis 50,1 mg/kg | LAVES Niedersachsen | 2019 |
| Speiseöl, Olivenöl | MOSH bis 34,6 mg/kg, MOAH 2,6 mg/kg | LAVES Niedersachsen | 2019 |
| Reis, Gries, Cornflakes | MOSH-Spuren durch Kartonverpackung | Foodwatch | seit 2012 |
| Adventskalender-Schokolade | Grenzwert bis zu 100-fach überschritten | Stiftung Warentest | Wiederholt |
| Couscous | Vereinzelt MOSH/MOAH-Rückstände | Ökotest | 2024 |
Zwei Fälle fallen besonders auf. Bei Aurora Weizenmehl Vollkorn bemängelte Ökotest im April 2026 neben MOAH sechs Pestizidspuren, darunter das bienengiftige Insektizid Deltamethrin. Beim Bio Sonne Dinkelmehl Vollkorn von Norma kamen zu Mineralölrückständen noch die Schwermetalle Cadmium und Nickel hinzu. Norma kündigte an, betroffene Chargen aus dem Verkehr zu ziehen. Bei Foodwatch stach die Knorr-Bratensoße von Unilever heraus: 82 Milligramm MOAH pro Kilogramm, mehrere Chargen in fünf Ländern.

Wie gelangt Mineralöl ins Essen?
Der Hauptweg führt über Verpackungen. Recyclingkartons enthalten Altpapier aus Zeitungen und Werbeprospekten. Die darin enthaltenen mineralölbasierten Druckfarben hinterlassen Rückstände, die sich aus dem Karton in das Lebensmittel bewegen. Der Übergang erfolgt nicht nur durch direkten Kontakt, sondern auch über die Gasphase. Selbst durch eine Tüte hindurch können flüchtige Mineralölbestandteile ins Produkt wandern.
Weitere Eintragswege kommen aus der Produktion selbst. Dazu gehören:
- Jute- und Sisalsäcke: Behandelt mit mineralölhaltigem Batching-Öl, um die Fasern geschmeidig zu halten. Betrifft häufig Kakao, Kaffee und Reis aus Übersee.
- Druckfarben auf Primärverpackungen: Auch frisch bedruckte Tüten und Folien können Rückstände abgeben, wenn keine funktionale Barriere dazwischen liegt.
- Schmier- und Trennmittel in Maschinen: Förderbänder, Abfüllanlagen und Backformen arbeiten oft mit technischen Ölen. Undichte Stellen oder falsch dosierte Zulassungen lassen Reste ins Produkt übergehen.
- Staubbindemittel und Klebstoffe: In Getreidespeichern, bei der Verpackungsherstellung oder beim Transport.
- Umwelt- und Bodeneinträge: Durch Abgase, Düngemittel oder kontaminierten Boden landen Spuren schon beim Anbau im Rohstoff.
Besonders kritisch sind Lebensmittel mit viel Oberfläche im Verhältnis zum Volumen. Mehl, Gries, Reis und Cerealien nehmen Mineralölbestandteile deutlich leichter auf als kompakte Produkte wie ein Laib Brot.
Die aktuelle Rechtslage
Bis 2022 existierten in der EU weder verbindliche Höchstgehalte noch toxikologische Referenzwerte für MOSH oder MOAH. Stattdessen verwiesen Behörden auf den ALARA-Grundsatz: so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar.
Im Juni 2022 verabschiedete der Ständige EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel einen harmonisierten Umgang mit MOAH-Befunden. Die Produkte werden seitdem anhand ihres Fettgehalts eingeordnet. Überschreitet eine Probe die folgenden Werte, gilt sie als nicht verkehrsfähig.
| Fettgehalt des Produkts | MOAH-Aktionswert |
|---|---|
| bis 4 Prozent Fett | 0,5 mg/kg |
| über 4 bis 50 Prozent Fett | 1,0 mg/kg |
| über 50 Prozent Fett | 2,0 mg/kg |
Diese Werte sind analytische Bestimmungsgrenzen aus einem Bericht der EU-Forschungsstelle JRC von 2019. Sie haben bereits Konsequenzen: Ware über dem Aktionswert muss aus dem Handel genommen werden.
Gestützt auf die EFSA-Bewertung vom September 2023 arbeitet die EU-Kommission seit 2024 an verbindlichen Höchstgehalten. Der aktuelle Verordnungsentwurf setzt den Schwerpunkt auf Ölsaaten, tierische und pflanzliche Fette, Baumnüsse, Getreide, Milchprodukte, Kakao und Süßwaren. Angestrebtes Inkrafttreten: 2027 für Einzelprodukte, 2030 für zusammengesetzte Lebensmittel. Foodwatch fordert seit Jahren eine MOAH-Nulltoleranz für alle Produktgruppen.
Zusätzlich gibt es freiwillige Orientierungswerte, die der Lebensmittelverband Deutschland und die Länderarbeitsgemeinschaft gesundheitlicher Verbraucherschutz in einer aktualisierten Liste führen (Stand Januar 2024). Sie decken neun Produktgruppen ab, seit 2022 einschließlich veganer und vegetarischer Produkte.

So reduzierst du deine Aufnahme
Mineralöl lässt sich im Alltag nicht vollständig vermeiden. Bewusste Kaufentscheidungen und eine sinnvolle Lagerung senken die Belastung aber spürbar. Die folgenden Maßnahmen sind unkompliziert umzusetzen.
- Auf Verpackung achten: Kartons mit Innenbeutel aus Aluminium oder beschichtetem Papier schirmen das Produkt besser ab. Ohne Innenbeutel solltest du bei Reis, Mehl oder Gries skeptisch werden.
- Nach dem Einkauf umfüllen: Trockenware zuhause in Glas- oder Metallbehälter umfüllen. Das stoppt den Gasphasen-Übergang aus dem Karton.
- Tests lesen: Ökotest und Foodwatch veröffentlichen regelmäßig Produktvergleiche. Testsieger wechseln häufig die Marke, daher lohnt sich der Blick vor dem Einkauf.
- Frische Ware bevorzugen: Je länger ein Produkt im Karton liegt, desto mehr Mineralöl kann übergehen. Bei Lagerware wie Adventskalendern besonders kritisch.
- Abwechslung im Einkauf: Keine Monokultur. Wer Reis, Mehl oder Cerealien von wechselnden Herstellern kauft, senkt das Risiko, dauerhaft stark belastete Chargen zu erwischen.
- Bio ist kein Freibrief: Auch Bio-Produkte sind betroffen, weil Jute-Säcke und Recyclingkartons branchenunabhängig genutzt werden. Bio Sonne Dinkel Vollkorn war 2026 das schlechteste Produkt im Ökotest.
- Produkte mit MOAH-Nachweis meiden: Wer auf Nummer sicher gehen will, greift bei Schokocremes, Brühwürfeln und Mehl zu Marken, die in aktuellen Tests unauffällig geblieben sind. Günstige Eigenmarken von Kaufland, dm und Aldi schnitten bei Ökotest zuletzt häufig sehr gut ab.
Wenn du Produkte gekauft hast, die nachträglich auffällig werden, kannst du sie dem Online-Lebensmittelwarndienst der Bundesländer melden. Hersteller sind seit 2014 verpflichtet, Rückrufe dort zu veröffentlichen. Besonders relevant ist das für Haushalte mit kleinen Kindern, weil der Körper dort weniger Mineralöl verträgt und gleichzeitig oft größere Mengen pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen werden. Weitere Hinweise zu kritischen Inhaltsstoffen findest du auch im Artikel zu Lebensmitteln, die den Blutdruck senken.





