Am 16. April 2026 hat der Bundestag eine halbe Stunde lang über eine solidarische Pflichtversicherung gegen Elementarschäden debattiert. Grundlage war Drucksache 21/5030, ein Antrag der Linksfraktion vom 26. März 2026. Der Antrag landete anschließend zur weiteren Beratung im Rechtsausschuss, ein Regierungsentwurf liegt bis heute nicht vor. Trotzdem ist die Pflichtversicherung politisch praktisch beschlossen: Der Bundesrat hatte das Vorhaben bereits 2024 einstimmig gefordert, und der Koalitionsvertrag von Union und SPD aus dem April 2025 hat es in seine Pläne aufgenommen. Was das konkret heißt, wann es kommen kann und warum 43 Prozent der Hausbesitzer aktuell ohne Schutz dastehen, liest du hier. Und warum Niedrigrisiko-Haushalte im Solidarmodell rund 100 Euro im Jahr drauflegen müssten.

Was Elementarschäden überhaupt sind

Elementarschäden sind Schäden, die durch Naturereignisse am Haus oder am Hausrat entstehen. Versicherungsrechtlich fallen darunter sieben Gefahren: Überschwemmung durch Hochwasser, Starkregen-Überflutung, Rückstau aus der Kanalisation, Erdbeben, Erdsenkung und Erdrutsch, Schneedruck und Lawinen sowie Vulkanausbruch. Sturm und Hagel zählen nicht dazu, die sind in jeder Standard-Wohngebäude- und Hausratversicherung mitversichert. Mit 96 Prozent Versicherungsquote sind Sturm und Hagel laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) praktisch flächendeckend abgedeckt.

Bei den Elementargefahren sieht es anders aus. Die Wohngebäudeversicherung deckt sie nur ab, wenn du den Elementarbaustein zusätzlich abgeschlossen hast. Dasselbe gilt für die Hausratversicherung: Ohne den Zusatzbaustein zahlt sie zwar bei Leitungswasserschäden aus der Spülmaschine, aber nicht bei Rückstau aus der Toilette nach Starkregen und auch nicht, wenn Grundwasser durch die Kellerwand drückt. Das ist der entscheidende Punkt, an dem viele Hausbesitzer überrascht werden. Eine Hausratpolice ohne Elementardeckung ist im Starkregenfall wertlos, sobald das Wasser nicht über das Dach, sondern von unten oder durch die Bodenplatte ins Gebäude kommt.

Was der Koalitionsvertrag plant

Im Koalitionsvertrag vom April 2025 haben Union und SPD ein zweistufiges Modell festgeschrieben. Stufe eins: Wohngebäudeversicherungen werden im Neugeschäft ausschließlich mit Elementarbaustein angeboten. Wer ab Inkrafttreten eine neue Police abschließt, bekommt den Schutz automatisch. Stufe zwei: Bestandsverträge werden zu einem noch festzulegenden Stichtag automatisch um den Elementarbaustein erweitert, im sogenannten Opt-out-Verfahren. Versicherte können der Erweiterung aktiv widersprechen, müssen aber vorher über die Konsequenzen aufgeklärt werden.

Eingerahmt wird das Ganze durch eine staatliche Rückversicherung. Sie soll Extremereignisse abdecken, die der private Markt nicht mehr tragen kann, etwa Großschadenslagen wie das Ahrtal-Hochwasser 2021 mit gut 8,5 Milliarden Euro versicherten Schäden. Außerdem will der Gesetzgeber Versicherungsbedingungen vereinheitlichen, damit Vertragsdetails vergleichbarer werden. Wichtig: Der Koalitionsvertrag erfasst nur Wohngebäude. Hausratversicherungen sowie gewerbliche Gebäude bleiben außen vor. Wer also nur eine Hausratpolice hat, muss den Elementarbaustein weiter selbst dazubuchen.

Ein Stichtag steht im Koalitionsvertrag nicht. Branchenkreise rechnen frühestens 2027 mit dem Inkrafttreten, ein Regierungsentwurf wird vor dem Sommer 2026 nicht erwartet. Die Linke-Drucksache 21/5030 fordert deshalb, das Tempo zu erhöhen und die Versicherung bezahlbar und solidarisch zu gestalten.

Wo Deutschland heute steht

Laut GDV-Datenservice zum Naturgefahrenreport waren Ende 2024 rund 10,2 Millionen Wohngebäude in Deutschland mit Elementarbaustein versichert. Das entspricht einer Quote von 57 Prozent. 2017 lag die Quote noch bei 41 Prozent, ein klarer Aufwärtstrend, aber 43 Prozent der Wohngebäude sind weiterhin ohne diesen Schutz. Bei Hausrat sieht es ähnlich aus: 11,7 Millionen Haushalte haben eine Hausratversicherung mit Elementarbaustein, das ist eine Quote von 41 Prozent.

Die regionalen Unterschiede sind dramatisch. Baden-Württemberg liegt aus historischen Gründen bei 94 Prozent. Bis 1994 gab es dort eine staatliche Pflichtversicherung, die nie wirklich gekündigt wurde. Nordrhein-Westfalen hat 2024 erstmals die 60-Prozent-Marke geknackt, mehrere ostdeutsche Flächenländer dümpeln bei unter 35 Prozent.

Schutzbaustein Quote Ende 2024 Anzahl Verträge Schützt vor
Wohngebäude Basis (Sturm/Hagel) 96 % rund 17,1 Mio. Sturm, Hagel, Feuer, Leitungswasser
Wohngebäude mit Elementarbaustein 57 % 10,2 Mio. zusätzlich Hochwasser, Starkregen, Rückstau, Erdbeben
Hausrat Basis rund 75 % rund 21 Mio. Diebstahl, Feuer, Leitungswasser-Ausläufe
Hausrat mit Elementarbaustein 41 % 11,7 Mio. zusätzlich Schäden durch Hochwasser, Rückstau, Starkregen

Die Lücke ist relevant, weil sich die Schadenbilanz verschoben hat. Laut GDV machten Naturgefahren 2024 etwa ein Viertel des gesamten Schadenaufwands in der Wohngebäudeversicherung aus. Vor zehn Jahren lag dieser Anteil eher bei einem Sechstel. Wer keinen Elementarbaustein hat, trägt im Ernstfall die volle Reparatur selbst.

Ende 2024 waren laut GDV 10,2 Millionen Wohngebäude in Deutschland mit Elementarbaustein versichert, das entspricht 57 Prozent, 43 Prozent stehen ohne diesen Schutz da
Ende 2024 waren laut GDV 10,2 Millionen Wohngebäude in Deutschland mit Elementarbaustein versichert, das entspricht 57 Prozent, 43 Prozent stehen ohne diesen Schutz da

Wie ZÜRS-Zonen die Prämie bestimmen

Die Versicherer berechnen die Prämie für den Elementarbaustein über ein Zonierungssystem namens ZÜRS Geo, geführt vom GDV seit 2001. Das System enthält über 22 Millionen Adressen in Deutschland. Es teilt jedes Haus in vier Hochwasserzonen (GK 1 bis GK 4), drei Starkregenzonen (SGK 1 bis SGK 3) und drei Erdbebenzonen ein. Maßgeblich für die Prämie ist die Kombination aus diesen Zonen plus Bauart und Versicherungssumme.

In Zone GK 1 ist statistisch alle 200 Jahre oder seltener mit einem Hochwasser zu rechnen, in Zone GK 4 alle zehn Jahre oder häufiger. Laut GDV liegen 92,4 Prozent der Gebäude in Zone GK 1, nur 0,4 Prozent in GK 4. Bei Starkregen ist die Verteilung gleichmäßiger: etwa 22 Prozent in SGK 1, rund 66 Prozent in SGK 2 und 12 Prozent in SGK 3. Da Starkregen lokal überall zuschlagen kann, sind die Lücken in der niedrigsten Hochwasserzone trügerisch.

Die Prämienspanne zeigt das deutlich. Wer in Zone GK 1 ohne Vorbelastung wohnt, kommt mit dem Elementarbaustein laut Vergleichsportalen oft mit unter 100 Euro pro Jahr Aufpreis weg. In Zone GK 4 mit hoher Versicherungssumme können vierstellige Jahresprämien anfallen. Wer in den vergangenen Jahren bereits einen Schaden hatte, zahlt teils noch deutlich mehr oder bekommt die Police nur mit hohen Selbstbeteiligungen.

Wo dein Haus liegt, erfährst du über das öffentliche ZÜRS-public-Portal des GDV. Die Eingabe von Adresse und Postleitzahl reicht, das System zeigt dir die Einstufung anonymisiert an, ohne dass deine Versicherung sofort einen Vermerk in deinem Vertrag bekommt.

Was die Wirtschaftsdienst-Studie vorrechnet

Im Januar-Heft 2026 hat die Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst eine Studie veröffentlicht, die mehr als 1.000 Adressen auf den realen Aufpreis für den Elementarbaustein untersucht. Das Ergebnis: In Zone GK 1 lagen die durchschnittlichen Aufschläge zwischen rund 93 und 111 Euro pro Jahr. In Zone GK 3 und GK 4 stiegen sie auf über 1.000 bis 1.700 Euro jährlich.

Würde der Gesetzgeber stattdessen ein reines Solidarmodell mit Einheitsprämie wählen, würden Hochrisikozonen massiv subventioniert. Aktuare haben für dieses Szenario eine durchschnittliche Einheitsprämie von rund 190 Euro pro Hausbesitzer ohne Selbstbehalt errechnet. Praktische Konsequenz für die meisten Eigentümer in Zone GK 1: Sie würden im Solidarmodell rund 100 Euro pro Jahr mehr zahlen, als sie heute risikoadäquat zahlen müssten. Im Gegenzug würden Hausbesitzer in Hochrisikozonen statt 1.700 Euro nur noch 190 Euro zahlen.

Dieser Verteilungseffekt ist der politische Knackpunkt. Die Koalitionspläne von 2025 setzen anders an: Sie behalten die risikoadäquate Prämie bei und stützen die Bezahlbarkeit über staatliche Rückversicherung und einheitliche Bedingungen. Die Linke-Drucksache 21/5030 fordert dagegen ausdrücklich ein Solidarmodell und einen Elementarschadenfonds, in den auch klimaschädigende Unternehmen einzahlen sollen.

Was bedeutet das für dich konkret? Selbst wenn die Pflichtversicherung 2027 oder später kommt, entscheidet die genaue Ausgestaltung darüber, ob du eher mit 100 Euro Mehrkosten oder mit 100 Euro Ersparnis rechnen musst. Vor allem in Niedrigrisikozonen lohnt es sich, jetzt eine Police mit risikoadäquater Prämie abzuschließen, statt auf das Solidarmodell zu warten.

In Hochwasserzone GK 1 kostet der Elementarbaustein laut Wirtschaftsdienst rund 100 Euro pro Jahr, in Zone GK 4 können vierstellige Jahresprämien anfallen
In Hochwasserzone GK 1 kostet der Elementarbaustein laut Wirtschaftsdienst rund 100 Euro pro Jahr, in Zone GK 4 können vierstellige Jahresprämien anfallen

Was du heute selbst prüfen kannst

Auf das Gesetz musst du nicht warten. In drei Schritten weißt du, wo du stehst.

Erstens, deine ZÜRS-Zone bestimmen. Gib auf der öffentlichen Karte des GDV (ZÜRS public) deine Adresse ein und schau dir die Einstufung bei Hochwasser, Starkregen und Erdbeben an. Liegst du in GK 2 oder höher oder in SGK 3, dann ist der Elementarbaustein dringend, nicht optional.

Zweitens, deine bestehenden Policen prüfen. Im aktuellen Versicherungsschein steht im Klein­gedruckten, ob „weitere Elementargefahren" oder „erweiterte Naturgefahren" mitversichert sind. Wenn nicht, deckt deine Wohngebäudeversicherung nur Sturm und Hagel ab, und deine Hausratpolice springt bei Rückstau nicht ein. Frag bei Unklarheiten direkt bei deinem Versicherer nach und lass dir die Antwort schriftlich geben.

Drittens, Angebote vergleichen. Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest empfehlen, drei bis fünf Anbieter zu vergleichen. Die Prämienunterschiede können bei gleicher Versicherungssumme über 100 Prozent betragen. Achte auf die Selbstbeteiligung. Niedrige Selbstbeteiligungen unter 500 Euro klingen attraktiv, treiben aber die Jahresprämie hoch. Wer einen größeren Schaden absichern will, fährt mit 1.000 bis 2.500 Euro Selbstbeteiligung pro Schadensfall oft günstiger.

Wenn du in einem Hochrisikogebiet wohnst und keine Police bekommst, lohnt sich der Weg über das ZÜRS-Plus-Verfahren der Versicherer. Auch sogenannte Härtefälle werden inzwischen häufiger versichert, oft mit hoher Selbstbeteiligung und nur, wenn baulicher Schutz nachgerüstet wird (Rückstauklappe, hochwassertaugliche Kellerfenster, abdichtbare Lichtschächte).

Wer noch unsicher ist, welche Policen für den eigenen Haushalt überhaupt sinnvoll sind, findet bei uns einen Überblick zur Frage, welche Versicherungen man wirklich braucht. Und wer auf staatliche Klimaentlastung wartet, sollte parallel im Blick haben, wann das Klimageld kommt, das die zusätzlichen Versicherungskosten in den nächsten Jahren teilweise abfedern könnte.

Weiterführende Links

Bundestag-Drucksache 21/5030Antrag der Fraktion Die Linke zur solidarischen Versicherungspflichtdserver.bundestag.de
GDVZÜRS Geo und Versicherungsquote bei Elementarschädengdv.de
VerbraucherzentraleVersicherungsschutz gegen Elementarschädenverbraucherzentrale.de