Das staatliche Tierhaltungskennzeichen zeigt auf einen Blick, wie ein Schwein gehalten wurde. Es hat fünf Stufen: von Stall (gesetzlicher Mindeststandard) bis Bio. Der Bundestag hat das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz im Juni 2023 verabschiedet, die Kennzeichnungspflicht im Handel wurde jedoch zweimal verschoben und tritt erst am 1. Januar 2027 in Kraft. Bis dahin bleibt die Kennzeichnung freiwillig. Aktuell stammen über 62 Prozent des Schweinefleischs im Supermarkt aus der niedrigsten Haltungsstufe. Nur 4,3 Prozent sind Bio. Hier erfährst du, was die fünf Stufen bedeuten, welches Label vertrauenswürdig ist und worauf du beim Einkauf achten solltest.
Die fünf Haltungsstufen
Das Gesetz unterscheidet fünf Stufen, die sich vor allem durch den Platz pro Tier und den Zugang zur Außenluft unterscheiden. Die Angaben gelten für Mastschweine zwischen 50 und 110 Kilogramm.
| Stufe | Bezeichnung | Platz pro Schwein | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| 1 | Stall | 0,75 m² | Gesetzlicher Mindeststandard |
| 2 | Stall+Platz | 0,84 m² (12,5 % mehr) | Etwas mehr Platz, keine weitere Änderung |
| 3 | Frischluftstall | 1,05 bis 1,3 m² (45 % mehr) | Dauerhafter Kontakt zum Außenklima |
| 4 | Auslauf/Freiland | ca. 1,5 m² (100 % mehr) | Täglicher Zugang ins Freie |
| 5 | Bio | 1,3 m² Stall + 1,0 m² Auslauf | EU-Öko-Verordnung, 170 % mehr Gesamtfläche |
In Stufe 1 hat ein 110-Kilo-Schwein 0,75 Quadratmeter Platz. Das ist weniger als eine Badewanne. Stufe 2 bietet 12,5 Prozent mehr, das sind zusätzliche 0,09 Quadratmeter, also etwa die Fläche eines DIN-A3-Blatts. Erst ab Stufe 3 ändert sich grundlegend etwas: Die Tiere haben Kontakt zur Außenluft, entweder durch eine offene Stallseite oder einen Auslaufbereich.
Was das staatliche Kennzeichen abdeckt
Das Gesetz betrifft zunächst nur einen kleinen Teil des Fleischmarkts. Es gilt ausschließlich für frisches, unverarbeitetes Schweinefleisch von Schweinen, die in Deutschland gehalten und geschlachtet wurden, und nur im Einzelhandel.
| Erfasst | Nicht erfasst |
|---|---|
| Frisches Schweinefleisch (Schnitzel, Steak, Hackfleisch) | Wurst, Schinken, Fertiggerichte |
| Deutsches Schweinefleisch | Importiertes Fleisch (Dänemark, Spanien, Niederlande) |
| Einzelhandel (Supermarkt, Metzgerei) | Gastronomie, Kantinen, Imbisse |
| Schweinefleisch | Rind, Geflügel, Lamm |
Deutschland importiert rund 30 Prozent seines Schweinefleischs. Dieses Fleisch bleibt unkennzeichnet. Auch verarbeitete Produkte wie Bratwurst, Aufschnitt oder Tiefkühlpizza sind nicht betroffen. Eine Ausweitung auf Rind- und Geflügelfleisch sowie verarbeitete Produkte war ab 2027 geplant. Ob die neue CDU/SPD-Regierung das umsetzt, ist offen.

Staatliches Label vs. Handels-Label: Was ist der Unterschied?
Seit 2019 gibt es bereits das freiwillige Haltungsform-Label der großen Handelsketten (Aldi, Lidl, Edeka, Rewe, Kaufland). Es ist de facto auf fast jedem Fleischprodukt im Supermarkt zu finden. Das staatliche Kennzeichen ist etwas anderes.
| Merkmal | Haltungsform (Handel) | Staatliches Tierhaltungskennzeichen |
|---|---|---|
| Einführung | 2019 | Gesetz 2023, Pflicht ab 2027 |
| Stufen | 4 Stufen (seit 2024: 5 mit Bio) | 5 Stufen |
| Träger | Handelsinitiative (Aldi, Lidl, Edeka etc.) | Bundesministerium für Ernährung (BMEL) |
| Verbindlichkeit | Freiwillig | Gesetzliche Pflicht |
| Kontrolle | Eigenkontrollen der Wirtschaft (QS, Initiative Tierwohl) | Staatlich (BLE, Landesbehörden) |
| Design | Farbig: Rot, Blau, Orange, Grün | Schwarz-weiß, amtlich |
Der entscheidende Unterschied: Das staatliche Kennzeichen wird von unabhängigen Behörden kontrolliert, nicht von der Branche selbst. Die Registrierung der Betriebe läuft über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).
Wie der Markt aussieht
Die Zahlen zeigen eine langsame Verschiebung, aber der Großteil des Schweinefleischs kommt immer noch aus den niedrigsten Stufen.
| Stufe | Anteil im Handel (2024) | Veränderung gegenüber 2023 |
|---|---|---|
| Stufe 1 (Stall) | 62,4 % | −13,2 Prozentpunkte |
| Stufe 3 (Frischluftstall) | 16,7 % | +11,1 Prozentpunkte |
| Stufe 5 (Bio) | 4,3 % | Neu erfasst seit 2024 |
Aldi Süd hat angekündigt, ab Mitte Januar 2026 bei Eigenmarken kein Frischfleisch aus Haltungsform 1 mehr zu verkaufen. Das betrifft rund 90 Prozent des Sortiments. Alle großen Handelsketten planen, bis 2030 bei Frischfleisch komplett auf Haltungsform 3 und höher umzusteigen. Diese Ankündigungen kommen vom Handel selbst, nicht vom Gesetzgeber.
Was höhere Haltungsstufen kosten
Bessere Haltung kostet mehr. Ein konventionelles Schweineschnitzel kostet im Supermarkt rund 7 Euro pro Kilogramm. Bio-Schweineschnitzel liegt bei etwa 13 Euro, fast dem Doppelten.
| Stufe | Ungefährer Aufpreis | Beispiel (Schnitzel/kg) |
|---|---|---|
| 1 (Stall) | Basispreis | ca. 7 Euro |
| 2 (Stall+Platz) | +5 bis 10 % | ca. 7,50 Euro |
| 3 (Frischluftstall) | +20 bis 40 % | ca. 9 Euro |
| 4 (Auslauf) | +50 bis 80 % | ca. 11 Euro |
| 5 (Bio) | +80 bis 100 % | ca. 13 Euro |
Die Borchert-Kommission, eingesetzt unter der CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, schätzte die Kosten für einen kompletten Umbau der Nutztierhaltung auf 3 bis 5 Milliarden Euro jährlich. Die Ampel-Regierung stellte nur 1 Milliarde in Aussicht. Die Kommission löste sich im August 2023 aus Protest auf. Der „Tierwohlcent", eine Verbraucherabgabe zur Finanzierung, scheiterte am Widerstand des FDP-Finanzministers.
Kritik von allen Seiten
Das Gesetz steht von allen Seiten unter Beschuss.
Tierschutzorganisationen (PROVIEH, Deutscher Tierschutzbund, BUND) kritisieren: Stufe 1 bildet nur den gesetzlichen Mindeststandard ab, der selbst schon zu niedrig ist. Stufe 2 bringt lediglich 0,09 Quadratmeter mehr Platz. PROVIEH spricht von „systematischer Verschleppung statt Reform". Die zweimalige Verschiebung der Pflicht bestätigt diese Einschätzung.
Landwirte und Bauernverband klagen: Die Umbauten kosten Millionen, die Finanzierung ist ungeklärt. Das Gesetz gilt nur für deutsche Erzeuger. Importiertes Fleisch bleibt unkennzeichnet, was deutsche Betriebe im Wettbewerb benachteiligt.
Der Bundesrat hat im Juli 2025 in einer Entschließung sogar die vollständige Abschaffung des Gesetzes gefordert. Trotzdem wurde es nicht aufgehoben, sondern nur erneut verschoben.

Deutschland im Vergleich
Andere Länder sind deutlich weiter. Dänemark hat sein staatliches Tierwohl-Label „Bedre Dyrevelfærd" 2017 eingeführt. Es hat drei Stufen, gilt für Schwein, Geflügel, Milch, Kalb- und Rindfleisch und ist 77 Prozent der Bevölkerung bekannt. Die Niederlande haben das „Beter Leven"-Label seit 2007. Es erreicht bei Schweinefleisch eine Marktdurchdringung von rund 90 Prozent.
| Land | Label | Einführung | Tierarten | Marktdurchdringung |
|---|---|---|---|---|
| Niederlande | Beter Leven | 2007 | Schwein, Geflügel, Milch | ca. 90 % bei Schwein |
| Dänemark | Bedre Dyrevelfærd | 2017 | Schwein, Geflügel, Rind, Kalb, Milch | 77 % Bekanntheit |
| Deutschland | Tierhaltungskennzeichen | 2023 (Pflicht 2027) | Nur Schwein (frisch) | Noch nicht in Kraft |
Was du jetzt tun solltest
Achte beim Einkauf auf das farbige Haltungsform-Label, das bereits auf fast jedem Fleischprodukt im Supermarkt zu finden ist. Stufe 3 (Frischluftstall) ist die niedrigste Stufe, bei der sich die Haltung wirklich spürbar verbessert. Wenn du sichergehen willst, greife zu Bio (Stufe 5) oder zertifizierten Marken wie Neuland. Das staatliche Tierhaltungskennzeichen wird voraussichtlich ab Januar 2027 im Handel sichtbar sein. Bis dahin bleibt das Handels-Label die verlässlichste Orientierungshilfe. Und bedenke: Weniger Fleisch, dafür aus besserer Haltung, ist der wirksamste Hebel.





