Wenn dein Kind plötzlich mit Sonnenbrille gemächlich aus dem Auto steigt und dabei demonstrativ in die Ferne starrt, hat es vermutlich gerade Aura Farming probiert. Der Begriff bezeichnet die bewusste Inszenierung von Coolness, oft gefilmt und auf TikTok hochgeladen, und ist seit dem Sommer 2025 von indonesischen Flussbooten in deutsche Klassenzimmer gewandert. Dictionary.com hat "aura farming" am 24. Oktober 2025 als eigenen Slang-Eintrag aufgenommen. Langenscheidt hat bereits ein Jahr zuvor das Wort "Aura" zum Jugendwort 2024 gekürt, der Vorläufer der jetzigen Welle. Auf Schulhöfen rechnen Achtjährige inzwischen ihre eigene Coolness in einer imaginären Punktewährung ab. Dieser Artikel erklärt, woher der Trend kommt, wie das Punktesystem funktioniert, warum Psychologen warnen und wie du als Elternteil oder Lehrkraft reagieren kannst, ohne das Phänomen zu befeuern.
Woher Aura Farming kommt
Der globale Ausbruch des Trends lässt sich auf einen einzelnen Clip aus Indonesien zurückführen. Im Juni 2025 filmt jemand am Fluss Batang Kuantan in der Provinz Riau einen elfjährigen Jungen namens Rayyan Arkan Dikha. Rayyan steht auf dem Bug eines mehr als 40 Meter langen Holzboots beim Pacu-Jalur-Rennen, trägt eine Sonnenbrille und traditionelle Tracht. Während sein Team rudert, tanzt er mit ruhigen, präzisen Armbewegungen, das Gesicht völlig ausdruckslos. Die Rolle, in der er auftritt, heißt Togak Luan und ist Teil einer jahrhundertealten Tradition: Ein Kind motiviert mit Tanz und Gesten die Ruderer. Innerhalb weniger Tage geht der Clip auf TikTok, Instagram und YouTube viral. Soziale Medien-Nutzer hängen den Tanz unter beliebige Songs und nennen das, was Rayyan tut, "Aura Farming".
Der Begriff selbst ist älter als das Boot-Video. Auf TikTok und X taucht "aura farming" laut Dictionary.com bereits Anfang 2024 auf. Er setzt sich zusammen aus "Aura", also Ausstrahlung, und "farming", einem Begriff aus dem Gaming, der das wiederholte Sammeln von Punkten oder Ressourcen beschreibt. Wer Aura farmt, sammelt also Coolness-Punkte durch immer gleiche Posen. Rayyan hat dem Trend nur das Gesicht gegeben, das ihm vorher gefehlt hat.
| Element | Detail | Kanal/Quelle |
|---|---|---|
| Sound und Begriff | "aura farming" auf TikTok und X seit Anfang 2024 | Dictionary.com, Eintrag 24.10.2025 |
| Ikonisches Video | Rayyan Arkan Dikha (11), Pacu Jalur Riau, Juni 2025 | BBC Indonesia, ANTARA News |
| Globaler Spread | Remixe mit Millionen Views ab Juli 2025 | TikTok, Instagram Reels, YouTube |
| Kommerzialisierung | Rayyan zum Tourismus-Botschafter Riaus ernannt | ANTARA News, Jakarta Post |
Indonesiens Tourismus-Behörde hat den Hype binnen Wochen verwertet. Rayyan bekam ein staatliches Stipendium und wurde zum Tourismus-Botschafter der Provinz Riau ernannt. Die Jakarta Post berichtete im August 2025, dass das fünftägige Pacu-Jalur-Festival mit bis zu zwei Millionen Zuschauern rechnete, ein Vielfaches der Vorjahre. Damit ist der Trend nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich messbar geworden.
Wie Aura als Punktewährung funktioniert
Für Gen Alpha ist Aura eine imaginäre Punktewährung, ähnlich wie Klicks oder Likes, nur nicht öffentlich sichtbar. Wer etwas Cooles macht, bekommt Aura-Punkte gutgeschrieben. Wer etwas Peinliches tut, verliert sie. Die Beträge sind beliebig, meistens werden runde Zahlen wie +100, +500 oder +1000 genannt. Die Mechanik funktioniert sowohl als interner Witz unter Freunden als auch als öffentliche Bewertungsskala in Kommentar-Spalten.
Dictionary.com gibt in seinem Eintrag konkrete Beispiele: An die Tür gelehnt stehen bleiben, langsam an der Klasse vorbeigehen, am Tisch mit demonstrativem Ernst Kaffee oder Saft trinken. All das gilt als Aura-positiv, solange die Person dabei wirkt, als wäre sie sich der Performance nicht bewusst. Der entscheidende Trick ist das Nichtanstrengen. Wer offensichtlich um Aufmerksamkeit ringt, verliert Aura. Wer einfach "ist", gewinnt sie.
| Aktion | Aura-Wert | Kontext |
|---|---|---|
| Mit Sonnenbrille gemächlich aus dem Auto steigen, nicht reden | +500 | klassische Boat-Kid-Variante |
| Den Klassenraum betreten und ohne Hinsehen den Stift fangen, der dir zugeworfen wird | +1000 | Schulhof-Idealfall |
| Über den eigenen Schnürsenkel stolpern und sich am Spind festhalten | -500 | "losing aura"-Moment |
| Eltern auf TikTok bei einem Trend mitmachen lassen | -1000 | Aura-Killer der oberen Kategorie |
Verwandt, aber distinkt ist der Trend "Looksmaxxing", bei dem Jugendliche an Aussehen und Kieferpartie schrauben, um optisch Punkte zu sammeln. Aura Farming bezieht sich dagegen auf Haltung, Tempo und Mimik, nicht auf den Körper selbst. Auch Memes wie 6 7 oder Skibidi gehören in die Schwester-Familie der Gen-Alpha-Begriffe, sind aber als reine Codes ohne Punktesystem aufgebaut.

Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der die Punktewährung in den Alltag durchgesickert ist. Lehrer berichten von Sechstklässlern, die in der Pause ihre eigene Bewegungen kommentieren, als wären sie auf Twitch. Eltern hören abends im Auto Sätze wie "Heute habe ich tausend Aura verloren, als der Mathelehrer meinen Namen falsch ausgesprochen hat." Die Punkte werden nirgendwo geführt, aber sie sind im Sprachgebrauch real.
Wenn Promis das Posing kopieren
Sobald ein Trend ein Gesicht hat, übernehmen Stars ihn. Bei Aura Farming ging das ungewöhnlich schnell. NFL-Star Travis Kelce postete im Juli 2025 ein eigenes Video, in dem er Rayyans Pose nachstellte, das Clip sammelte mehr als 14 Millionen Aufrufe und gilt als Initialzündung für die westliche Adoption des Trends. Auch die BTS-Mitglieder Jung Kook und V veröffentlichten Versionen, ebenso Formel-1-Fahrer Alex Albon, Schauspieler Diego Luna, der Streamer KSI und DJ Steve Aoki. Der Fußballclub Paris Saint-Germain nutzte den Tanz für seine eigenen Social-Media-Kanäle.
Die kommerzielle Verwertung ging über Spaßvideos hinaus. Marken in Indien, Indonesien und den USA bauten Werbespots um das Posing herum auf. Die Pacu-Jalur-Festivalwoche im August 2025 wurde von Vize-Präsident Gibran Rakabuming Raka eröffnet, und der Rapper Melly Mike trat live auf. Indonesiens Kulturminister Fadli Zon bestätigte, dass Pacu Jalur offiziell als immaterielles Kulturerbe geschützt ist und kündigte eine Bewerbung um den UNESCO-Status an. Eine vor wenigen Monaten noch lokale Bootsregatta hat damit einen Status erreicht, der ohne Aura Farming nicht denkbar gewesen wäre.
In Deutschland ist die Welle leiser angekommen, aber sie ist da. Langenscheidt kürte am 18. Oktober 2025 in Frankfurt "Das crazy" zum Jugendwort des Jahres 2025. Im Vorjahr 2024 hatte die Wahl noch "Aura" gewonnen, mit einer Definition, die exakt die Grundlage für das spätere Farming bildet: persönliche Ausstrahlung oder Charisma, oft humorvoll verwendet. Der Jugendforscher Simon Schnetzer dokumentiert in seinem Slang-Glossar Aura als zentralen Begriff der Generation Alpha. Aura Farming als eigenständiges Wort hat es 2025 nicht ins deutsche Finale geschafft, im Schulhof-Vokabular ist es trotzdem präsent.
Was Psychologen am Punktesystem kritisieren
So spielerisch das Aufrechnen klingt, Fachleute beobachten den Trend mit Skepsis. Die US-amerikanische Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Barbara Greenberg sagt, das System sei eine "sozial akzeptierte Möglichkeit für Teenager, sich ins Rampenlicht zu stellen". Sie warnt jedoch davor, dass die ständige Selbstbewertung in ein "exzessives Self-Monitoring" kippen könnte, in dem Kinder jede Bewegung darauf prüfen, wie sie bei anderen ankommt. Die Mental-Health-Aktivistin Esther Fernandez von der Non-Profit-Organisation Made of Millions vergleicht Aura-Rechnen mit "body checking", einem zwanghaften Verhalten aus dem Umfeld von Essstörungen, bei dem Betroffene Körpermaße ständig kontrollieren. Statt Maßen werden hier soziale Bewertungen kontrolliert.
Der Medienforscher Jamie Cohen, Assistant Professor für Media Studies am CUNY Queens College in New York, geht weiter. Er beschreibt Aura Punkte als "Anpassung sozialer Rankings an den Alltag" und sieht das Risiko, dass Kinder anfangen, die Wahrnehmung durch andere wichtiger zu nehmen als das eigene Sein. Cohen spricht von "performativer Angst", die in der Entwicklungsphase besonders verletzlicher Jugendlicher Identität stören könne. Auch das freie Spiel und die Kreativität jüngerer Kinder seien betroffen, wenn jede Aktion potenziell ein Punkt-Ereignis sei.
Genau hier liegt die kontraintuitive Stelle des Trends. Klingt erst mal nach harmlosem Slang, aber "losing aura" ist nach Beobachtung von Kinderpsychologen bei manchen Heranwachsenden zu einer realen Sorge geworden. Wer in der Mathestunde stolpert, kassiert nicht nur Gelächter, sondern erlebt sich öffentlich als "minus 500 Aura". Aus einer scheinbar witzigen Punktewährung wird ein verschärfter Spiegel sozialer Beobachtung. Anders gesagt: Das Spiel, das eigentlich Distanz zu Cringe-Momenten schaffen soll, kann sie für sensible Kinder erst recht festschreiben.

Bemerkenswert ist die Altersgrenze nach unten. Wenn Esther Fernandez sagt, dass selbst Neunjährige inzwischen wissen, wie sie Aura verlieren, dann ist das eine Verschiebung gegenüber früheren Schulhof-Trends. Wo "krass" oder "cool" einfach Eigenschaften beschrieben, ist Aura Farming eine permanente Bewertungslogik. Die Mechanik der Plattformen, deren Belohnungssystem Kinder schon kennen, bevor sie selbst Accounts haben, ist damit ins Offline-Leben gewandert.
Was du als Eltern oder Lehrkraft tun kannst
Drei Punkte sind hilfreich. Erstens: Aura Farming ist nicht automatisch ein Alarmzeichen. Die meisten Kinder benutzen den Begriff als Spaß-Code mit Freunden, ohne ihn ernst zu nehmen. Wer als Erwachsener jedes Mal sofort von Selbstwert-Risiko spricht, übertreibt und macht das Phänomen größer, als es im Alltag der meisten Familien ist. Zweitens: Hör genau zu, wann der Begriff fällt. Wenn dein Kind in einem Moment, in dem es sich blamiert hat, von "Aura verlieren" spricht und tatsächlich gedrückt wirkt, ist das ein Gesprächsanlass, kein medizinisches Notfall-Stichwort. Frag nach, was es konkret gemeint hat, ohne den Begriff lächerlich zu machen. Drittens: Erkläre die Mechanik. Kinder, die verstehen, dass sie ein Spielmodell aus Plattformen auf das echte Leben übertragen, durchschauen es schneller und entlasten sich selbst.
Was du vermeiden solltest, ist ebenso klar. Erstens das Mitmachen vor Publikum. Wenn du als Elternteil oder Lehrkraft die Boat-Kid-Pose nachstellst, ist das im Gen-Alpha-Kosmos ein klassischer Aura-Killer und brennt den Trend genau dort ein, wo du ihn entwerten wolltest. Zweitens das Pathologisieren. Aura Farming als solches ist kein Krankheitsbild. Wenn dein Kind insgesamt unter sozialem Druck leidet, sich zurückzieht oder Schulvermeidung zeigt, ist das ein Thema für eine Beratungsstelle oder eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis, aber nicht wegen des Begriffs Aura. Drittens das pauschale TikTok-Verbot. Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zeigen seit Jahren, dass Verbote allein die Mediennutzung selten reduzieren, sondern eher in heimliche Nutzung verschieben. Wirksamer ist gemeinsames Anschauen, Einordnen und das Thematisieren der Mechanik.
Für Schulen gilt ähnliches. Wenn der Begriff im Unterricht eine echte Störung wird, etwa wenn Klassen demonstrativ "minus tausend Aura" auf Mitschüler rufen, ist eine klare Regel sinnvoll. Eine Klassenleitung in Berlin-Neukölln hat 2026 berichtet, dass sie das Aura-Vokabular einfach aus dem Unterrichtsgespräch ausschließt, Pausen aber bewusst freilässt, um den Trend dort auslaufen zu lassen. Die EU-Initiative klicksafe weist auf ihren Materialseiten zu Jugendsprache und Slang darauf hin, dass Aufklärung und gemeinsame Reflexion immer wirksamer sind als Verbote, weil Gen-Alpha-Begriffe ohnehin meist nur Monate halten. Bei Aura Farming spricht einiges dafür, dass die nächste Welle bereits in den Startlöchern steht.