Am 29. März 2026 ist es wieder so weit: Um 2 Uhr nachts werden die Uhren auf 3 Uhr vorgestellt, die Sommerzeit beginnt. Eine Stunde weniger Schlaf klingt harmlos, doch die Folgen für den Körper sind wissenschaftlich gut belegt. Rund ein Drittel der Deutschen klagt nach der Zeitumstellung über gesundheitliche Beschwerden, darunter Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Erschöpfung. Warum reagiert unser Organismus so empfindlich auf eine einzige Stunde? Die Antwort liegt in unserer inneren Uhr.

Die Geschichte der Zeitumstellung: Vom Krieg in den Alltag

Die Idee, die Uhren im Sommer vorzustellen, ist über 100 Jahre alt. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, führten das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn die Sommerzeit zum ersten Mal ein. Der Grund war rein wirtschaftlich: Durch die Ausnutzung des Tageslichts sollte Energie gespart werden, damit Kohle und Petroleum für die Rüstungsindustrie zur Verfügung standen. Nach dem Krieg wurde die Regelung 1919 wieder abgeschafft.

Auch im Zweiten Weltkrieg griff man auf die Sommerzeit zurück. Zwischen 1950 und 1979 drehte Deutschland dann nicht an den Uhren. Erst die Ölkrise von 1973 brachte die Diskussion zurück. 1980 führten beide deutsche Staaten die Sommerzeit erneut ein, auch auf Druck des europäischen Auslands. Seit 1996 gilt in der gesamten EU die einheitliche Regelung: Am letzten Sonntag im März werden die Uhren vorgestellt, am letzten Sonntag im Oktober wieder zurück.

Die ursprüngliche Begründung, Energieeinsparung, hat sich übrigens als hinfällig erwiesen. Studien zeigen, dass der Energieverbrauch durch die Zeitumstellung kaum sinkt, weil wir zwar abends weniger Licht, aber morgens mehr Heizung brauchen.

Was passiert im Körper: Innere Uhr, Melatonin und Mini-Jetlag

Dein Körper arbeitet nach einem fein abgestimmten 24-Stunden-Rhythmus, dem sogenannten circadianen Rhythmus. Gesteuert wird dieser Takt von einem winzigen Bereich im Gehirn, dem Nucleus suprachiasmaticus. Er reagiert auf Lichtreize, die über die Augen eintreffen, und synchronisiert darüber Hunderte von Körperfunktionen: Schlaf, Verdauung, Hormonausschüttung, Blutdruck und Körpertemperatur.

Eine zentrale Rolle spielt das Hormon Melatonin. Wenn es abends dunkel wird, steigt der Melatoninspiegel an und signalisiert dem Körper: Zeit zum Schlafen. Morgens, wenn Licht ins Auge fällt, wird die Melatoninproduktion gestoppt und das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, das dich wach und aktiv macht.

Bei der Umstellung auf Sommerzeit wird dieser Ablauf abrupt um eine Stunde verschoben. Dein Melatonin steigt am nächsten Abend noch zur gewohnten biologischen Zeit an, nicht zur neuen Uhrzeit. Dasselbe gilt für das Cortisol am Morgen. Die Folge: Du liegst abends wach, weil dein Körper noch nicht müde ist, und kommst morgens schwerer aus dem Bett, weil dein Weckhormon verspätet anspringt.

Chronobiologen sprechen von einem Mini-Jetlag. Anders als bei einer Fernreise gibt es allerdings keinen natürlichen Lichtunterschied, der die Anpassung unterstützt. Der Körper braucht je nach Person zwischen vier Tagen und vier Wochen, bis sich alle Funktionen an die neue Zeit angepasst haben. Besonders die Umstellung im Frühjahr fällt schwerer, weil eine Stunde verloren geht.

Laut DAK-Umfrage 2025 leidet ein Drittel der Deutschen unter gesundheitlichen Problemen nach der Zeitumstellung
Laut DAK-Umfrage 2025 leidet ein Drittel der Deutschen unter gesundheitlichen Problemen nach der Zeitumstellung

Gesundheitsrisiken: Herzinfarkt, Schlaganfall und Unfälle

Die Zeitumstellung ist mehr als ein Komfortproblem. In den Tagen nach der Umstellung auf Sommerzeit steigen nachweislich bestimmte Gesundheitsrisiken.

Herzinfarkt: Eine viel zitierte Studie des William Beaumont Hospital in Michigan ergab, dass die Zahl der Herzinfarkte am Montag nach der Frühjahrszeitumstellung um 25 Prozent anstieg. Schwedische Forscher des Karolinska-Instituts bestätigten einen Anstieg von rund fünf Prozent in der ersten Woche. Die Ursache: Schlafmangel und Stress erhöhen Blutdruck und Herzfrequenz, was bei vorbelasteten Menschen das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse steigert.

Schlaganfall: Eine finnische Studie, die Daten über zehn Jahre auswertete, stellte fest, dass die Rate ischämischer Schlaganfälle in den ersten zwei Tagen nach der Zeitumstellung um acht Prozent anstieg. Besonders gefährdet waren Menschen über 65 Jahre (plus 20 Prozent) und Krebspatienten (plus 25 Prozent).

Verkehrsunfälle: Die Umstellung auf Sommerzeit bringt eine vorübergehend erhöhte Unfallgefahr mit sich. Übermüdete Autofahrer reagieren langsamer, die Aufmerksamkeit sinkt. Zudem verschiebt sich der morgendliche Berufsverkehr wieder in die Dämmerung. Laut Gesamtverband der Versicherer ereigneten sich 2024 in Deutschland rund 276.000 Wildunfälle, besonders viele davon im April und November, also jeweils in den Wochen nach der Zeitumstellung.

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Gesundheitsrisiken und ihre wissenschaftliche Grundlage im Überblick:

Gesundheitsrisiko Veränderung nach Zeitumstellung Studienhintergrund
Herzinfarkt bis zu 25 % mehr Fälle am Montag danach William Beaumont Hospital, Michigan
Schlaganfall 8 % Anstieg in den ersten zwei Tagen Universität Turku, Finnland (10-Jahres-Analyse)
Verkehrsunfälle erhöhte Unfallzahlen durch Übermüdung ADAC, Gesamtverband der Versicherer
Schlafstörungen 65 % der Betroffenen klagen über Einschlafprobleme DAK-Gesundheit, Forsa-Umfrage 2025
Konzentrationsprobleme 38 % der Betroffenen betroffen DAK-Gesundheit, Forsa-Umfrage 2025
Depressive Verstimmung 16 % der Betroffenen berichten davon DAK-Gesundheit, Forsa-Umfrage 2025

Wer leidet am meisten unter der Zeitumstellung?

Nicht jeder Mensch reagiert gleich stark auf die Zeitumstellung. Laut der DAK-Forsa-Umfrage vom Oktober 2025 gibt es deutliche Unterschiede nach Geschlecht und Alter.

Frauen sind mit 39 Prozent fast doppelt so häufig betroffen wie Männer mit 24 Prozent. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen häufiger zu Schlafstörungen neigen und ihre innere Uhr empfindlicher auf Lichtveränderungen reagiert.

Ältere Menschen sind ebenfalls stärker betroffen. In der Gruppe der über 60-Jährigen berichtet knapp jeder Dritte über Beschwerden. Bei den 45- bis 59-Jährigen stieg der Anteil im Vergleich zum Vorjahr sogar um fünf Prozentpunkte auf 34 Prozent.

Besonders anfällig sind darüber hinaus:

Insgesamt hat die DAK-Umfrage ergeben, dass 76 Prozent der Deutschen die Abschaffung der Zeitumstellung befürworten. Nur 22 Prozent halten sie noch für sinnvoll.

7 Tipps: So kommst du besser durch die Zeitumstellung

Die gute Nachricht: Du kannst deinen Körper gezielt auf die Umstellung vorbereiten. Die folgenden Strategien helfen dir, den Mini-Jetlag abzumildern.

  1. Schlafroutine schrittweise anpassen. Geh bereits drei bis vier Tage vor dem 29. März jeden Abend etwa 15 Minuten früher ins Bett. So verschiebt sich dein Rhythmus sanft statt abrupt.

  2. Morgens raus ans Tageslicht. Natürliches Licht ist der stärkste Taktgeber für deine innere Uhr. Ein 20-minütiger Spaziergang am Morgen hilft deinem Körper, die Melatoninproduktion schneller umzustellen.

  3. Abends blaues Licht reduzieren. Smartphone, Tablet und Laptop strahlen blaues Licht ab, das die Melatoninausschüttung hemmt. Schalte mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen den Nachtmodus ein oder lege die Geräte ganz weg.

  4. Koffein und Alkohol am Abend meiden. Koffein hat eine Halbwertszeit von rund fünf Stunden. Trinke deinen letzten Kaffee spätestens am frühen Nachmittag. Auch Alkohol stört den Tiefschlaf, selbst wenn er zunächst müde macht.

  5. Leicht essen am Abend. Schwere Mahlzeiten belasten den Körper und erschweren das Einschlafen. Bevorzuge leichte Kost wie Gemüse, Vollkorn und mageres Protein.

  6. Bewegung in den Alltag einbauen. Sport und Bewegung unterstützen die Synchronisation deiner inneren Uhr. Idealerweise am Vormittag oder frühen Nachmittag, nicht kurz vor dem Schlafengehen.

  7. Geduld haben. Dein Körper braucht einige Tage, um sich vollständig anzupassen. Vermeide in der Umstellungswoche wichtige Termine in den frühen Morgenstunden und plane Puffer ein, wenn du dich noch nicht fit fühlst.

Die EU-Debatte: Warum die Abschaffung nicht vorankommt

Die Diskussion um ein Ende der Zeitumstellung ist nicht neu. 2018 führte die EU-Kommission eine öffentliche Befragung durch, an der sich 4,6 Millionen Menschen beteiligten, so viele wie nie zuvor bei einer EU-Konsultation. 84 Prozent sprachen sich für die Abschaffung aus.

2019 stimmte das Europäische Parlament mit großer Mehrheit dafür, die Zeitumstellung bis 2021 abzuschaffen. Jedes Mitgliedsland sollte selbst entscheiden, ob es dauerhaft bei Sommer- oder Normalzeit (Winterzeit) bleibt. Doch genau hier liegt das Problem: Die Mitgliedstaaten im Rat der EU konnten sich bislang nicht einigen.

Die zentrale Befürchtung ist ein Flickenteppich an Zeitzonen quer durch Europa. Wenn Deutschland sich für dauerhafte Sommerzeit entscheidet, Frankreich aber für Normalzeit, würde es an der Grenze plötzlich eine Stunde Unterschied geben. Für den Binnenmarkt, den Zugverkehr und die tägliche Zusammenarbeit wäre das problematisch.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez setzte sich zuletzt dafür ein, die Zeitumstellung auf EU-Ebene bis 2026 abzuschaffen. Doch die Grünen-Europaabgeordnete Anna Cavazzini erklärte gegenüber dem MDR, dass das Thema bis 2026 auf EU-Ebene nicht auf der Tagesordnung stehe. Die Zeitumstellung wird uns also noch eine Weile begleiten.

Wissenschaftlich gibt es eine klare Empfehlung: Chronobiologen und Schlafmediziner plädieren mehrheitlich für die dauerhafte Normalzeit (Winterzeit). Der Grund: Die Normalzeit stimmt besser mit dem natürlichen Licht-Dunkel-Zyklus überein und unterstützt die innere Uhr. Dauerhafte Sommerzeit würde bedeuten, dass es im Winter morgens noch länger dunkel bleibt, was zu chronischem Schlafmangel führen kann.

Fazit: Eine kleine Umstellung mit großer Wirkung

Die Zeitumstellung ist kein Relikt, über das man nur schmunzeln kann. Sie greift direkt in die Biologie deines Körpers ein und hat messbare Auswirkungen auf Schlaf, Herzgesundheit und Leistungsfähigkeit. Besonders die Umstellung auf Sommerzeit im Frühjahr fordert den Organismus heraus, weil eine Stunde Schlaf fehlt und die innere Uhr gegen die äußere Zeit arbeitet.

Solange die EU keine Einigung findet, hilft nur Vorbereitung. Nutze die Tage vor dem 29. März 2026, um deinen Schlafrhythmus schrittweise anzupassen, geh morgens raus ans Licht und nimm dir in der ersten Woche nach der Umstellung bewusst mehr Ruhe. Dein Körper wird es dir danken.

Weiterführende Links

DAK-Umfragedak.de →Zeitumstellung und gesundheitliche Probleme
Deutsches Ärzteblattaerzteblatt.de →Zeitumstellung und Herzinfarkte
Deutsche Herzstiftungherzstiftung.de →Wie wirkt sich die Zeitumstellung auf das Herz aus?
EU-Kommissiongermany.representation.ec.europa.eu →Zeitumstellung
National Geographicnationalgeographic.de →Wie die Zeitumstellung unsere innere Uhr beeinträchtigt
Geschichte der Sommerzeit in Deutschlandzeitumstellung.de →