Schluckauf entsteht, wenn sich dein Zwerchfell krampfartig zusammenzieht und sich 35 Millisekunden später die Stimmritze im Kehlkopf reflexartig verschließt. Die eingesogene Luft prallt auf die geschlossene Stimmritze: Das ergibt das typische "Hicks". In 80 Prozent der Fälle ist nur eine Zwerchfellhälfte beteiligt. Der Reflex ist vermutlich ein evolutionäres Überbleibsel der Kiemenatmung und bei Erwachsenen funktionslos. Bei Babys dagegen könnte er eine wichtige Rolle bei der Gehirnentwicklung spielen. Hier erfährst du, warum Schluckauf entsteht, was wirklich hilft und ab wann du zum Arzt gehen solltest.

Der Mechanismus: Was im Körper passiert

Schluckauf (medizinisch: Singultus) ist ein Reflexbogen, an dem drei Nerven beteiligt sind: Der Nervus phrenicus steuert das Zwerchfell, der Nervus vagus leitet sensorische Signale aus Speiseröhre und Magen zum Gehirn, und sympathische Nervenfasern sind ebenfalls beteiligt. Der Reflex wird im Atemzentrum im Hirnstamm ausgelöst.

Die Frequenz liegt zwischen 4 und 60 Mal pro Minute. Die meisten Schluckauf-Episoden dauern nur wenige Minuten. Den Weltrekord hält Charles Osborne aus Iowa: Er hatte 68 Jahre lang Schluckauf, von 1922 bis 1990, ausgelöst durch einen Sturz beim Schweineschlachten, bei dem ein Blutgefäß im Hirnstamm riss. Geschätzt hickste er in dieser Zeit rund 430 Millionen Mal.

Warum gibt es Schluckauf überhaupt?

Forscher um Christian Straus von der Universität Paris vermuten: Schluckauf ist ein Überbleibsel der Kiemenatmung. Lungenfische und Kaulquappen besitzen Lungen und Kiemen gleichzeitig. Beim Abtauchen verschließen sie die Lungen und atmen über Kiemen weiter. Dieses Umschalten löst einen schluckaufähnlichen Reflex aus. Die motorischen Abläufe stimmen weitgehend mit dem menschlichen Schluckauf überein.

Eine Studie des University College London (2019) ergab: Schluckauf löst bei Neugeborenen drei große Gehirnaktivitätswellen in der Hirnrinde aus. Das Gehirn verbindet dabei das "Hicks"-Geräusch mit der Zwerchfellkontraktion. Schluckauf könnte Babys also helfen, die Atemmuskulatur zu überwachen und willkürliche Atemkontrolle zu erlernen. Bereits ab der 9. Schwangerschaftswoche haben Föten Schluckauf, Frühgeborene verbringen rund 1 Prozent ihrer Zeit damit.

Der Weltrekordhalter Charles Osborne hatte 68 Jahre Schluckauf und hickste geschätzt 430 Millionen Mal
Der Weltrekordhalter Charles Osborne hatte 68 Jahre Schluckauf und hickste geschätzt 430 Millionen Mal

Die häufigsten Auslöser

Die meisten Schluckauf-Episoden werden durch harmlose Reizungen des Zwerchfells oder des Vagusnervs ausgelöst:

Was hilft? Faktencheck

Die meisten Hausmittel zielen auf zwei Mechanismen: einen CO2-Anstieg im Blut (beruhigt das Atemzentrum) oder eine Stimulation des Vagusnervs (unterbricht den Reflexbogen).

Methode Wirkmechanismus Bewertung
Luft anhalten (5-10 Sek.) CO2-Anstieg beruhigt Atemzentrum Oft wirksam
Kaltes Wasser in kleinen Schlucken Vagus-Stimulation im Rachenraum Oft wirksam
Zucker auf die Zunge Stimulation sensibler Nervenenden Anekdotisch wirksam
Erschrecken lassen Beeinflussung der Hirnimpulse Theoretisch plausibel, selten echter Schreck
Valsalva-Manöver (Pressen) Druckerhöhung im Brustkorb, Vagus-Stimulation Medizinisch anerkannt
In Tüte atmen CO2-Rückatmung Funktioniert, aber Vorsicht (Sauerstoffmangel)
"Jemand denkt an dich" Kein Wirkmechanismus Mythos

Das Deutsche Ärzteblatt berichtete 2021 über einen speziellen Saughalm mit Druckventil ("HiccAway"), der in einer Studie bei 92 Prozent der Teilnehmer den Schluckauf stoppte. Er stimuliert gleichzeitig den Nervus phrenicus und den Nervus vagus.

Wann du zum Arzt gehen solltest

Akuter Schluckauf (unter 48 Stunden) ist harmlos und vergeht von selbst. Ab 48 Stunden spricht man von chronischem Schluckauf, der ärztlich abgeklärt werden sollte. Ab zwei Monaten gilt er als therapieresistent.

Akute Ursachen (harmlos) Chronische Ursachen (abklärungsbedürftig)
Zu schnelles Essen Refluxkrankheit (GERD)
Kohlensäure, Alkohol Magengeschwür
Scharfes Essen Schlaganfall, Multiple Sklerose
Stress, Aufregung Hirntumoren
Temperaturwechsel Diabetes, Elektrolytstörungen

Bei chronischem Schluckauf ist Baclofen das Medikament der Wahl. Chlorpromazin ist das einzige in den USA für Schluckauf zugelassene Medikament. In schweren Fällen kann eine selektive Blockade des Nervus phrenicus nötig sein.

Eine UCL-Studie von 2019 zeigte, dass Schluckauf bei Neugeborenen 3 große Gehirnaktivitätswellen auslöst und die Atemkontrolle trainiert
Eine UCL-Studie von 2019 zeigte, dass Schluckauf bei Neugeborenen 3 große Gehirnaktivitätswellen auslöst und die Atemkontrolle trainiert

Was du tun kannst

Beim nächsten Schluckauf: Halte die Luft an und zähle langsam bis zehn, oder trinke kaltes Wasser in kleinen Schlucken. Das hilft in den meisten Fällen. Wenn dein Schluckauf länger als 48 Stunden dauert, geh zum Arzt. Und wenn du ein Baby hast, das häufig hickst: Das ist normal und vermutlich sogar wichtig für seine Entwicklung.

Weiterführende Links

Apotheken Umschauapotheken-umschau.de →Schluckauf
Deutsches Ärzteblattaerzteblatt.de →HiccAway-Studie
Spektrumspektrum.de →Schluckauf als Überbleibsel der Kiemenatmung