Untreue ist eines der Themen, über die fast jeder eine Meinung hat, aber kaum jemand offen spricht. Laut der ElitePartner-Studie geben 27 Prozent der Männer in Deutschland zu, mindestens einmal in einer Beziehung fremdgegangen zu sein. Die wahren Gründe dahinter sind vielschichtiger, als viele denken: Es geht selten nur um Sex. Hinter einem Seitensprung stecken biologische Mechanismen, emotionale Defizite und individuelle Lebensumstände, die zusammenwirken.

Was die Biologie damit zu tun hat: Dopamin und der Coolidge-Effekt

Ein häufig zitiertes Erklärungsmodell aus der Verhaltensforschung ist der sogenannte Coolidge-Effekt. Er beschreibt ein Phänomen, das 1956 erstmals in Experimenten mit Ratten nachgewiesen wurde: Männliche Tiere verlieren relativ schnell das sexuelle Interesse an einer bekannten Partnerin, reagieren aber sofort wieder erregt auf eine neue.

Der biochemische Motor dahinter ist Dopamin. Dieser Neurotransmitter wird im Belohnungszentrum des Gehirns ausgeschüttet, wenn wir etwas Neues und Aufregendes erleben. Ein neuer Flirt, eine unbekannte Berührung, ein fremder Geruch: All das kann einen Dopaminschub auslösen, der sich intensiver anfühlt als die vertraute Nähe in einer Langzeitbeziehung.

Wichtig dabei: Der Coolidge-Effekt erklärt einen biologischen Impuls, keine Entscheidung. Menschen sind keine Ratten. Wir haben ein Stirnhirn, das uns erlaubt, Impulse zu bewerten und bewusst zu handeln. Die Biologie liefert also höchstens einen Hintergrund, niemals eine Entschuldigung.

Die häufigsten Gründe laut Studien

Die Forschung zeigt, dass Männer aus einem Mix verschiedener Motive fremdgehen. Die ElitePartner-Studie und Erhebungen von Parship liefern dazu konkrete Zahlen.

Motiv Anteil der befragten Männer
Reiz des Neuen / sexuelle Abwechslung ca. 38 %
Reiz des Verbotenen ca. 29 %
Unzufriedenheit in der Beziehung ca. 23 %
Spontane Gelegenheit ca. 20 %
Verliebt in jemand anderen ca. 15 %
Bestätigung des Selbstwerts ca. 12 %

Was auffällt: Die sexuelle Komponente spielt bei Männern eine größere Rolle als bei Frauen, bei denen emotionale Unzufriedenheit der häufigste Auslöser ist. Trotzdem ist auch bei Männern in fast jedem vierten Fall die Unzufriedenheit mit der Beziehung der eigentliche Treiber.

27 Prozent der Männer in Deutschland geben an, mindestens einmal fremdgegangen zu sein
27 Prozent der Männer in Deutschland geben an, mindestens einmal fremdgegangen zu sein

Emotionale Leere: Wenn die Beziehung hungrig macht

Nicht jeder Seitensprung beginnt mit einem heißen Blickkontakt in einer Bar. Viele Affären entstehen schleichend, oft am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis, weil ein Mann sich emotional vernachlässigt fühlt.

Typische Auslöser sind:

Psychologen betonen, dass Männer Probleme in der Beziehung seltener direkt ansprechen als Frauen. Statt das Gespräch zu suchen, weichen sie aus. Eine emotionale Verbindung zu einer anderen Person fühlt sich dann wie eine Lösung an, obwohl sie das eigentliche Problem nur verlagert.

Das bedeutet nicht, dass die Partnerin eine Mitschuld trägt. Es bedeutet, dass Beziehungen aktive Pflege brauchen, von beiden Seiten.

Selbstwert und Bestätigung: Der Spiegel im Fremden

Ein weiterer Faktor, der in der Paartherapie regelmäßig auftaucht: ein fragiles Selbstwertgefühl. Manche Männer suchen durch die Aufmerksamkeit einer neuen Person die Bestätigung, die sie sich selbst nicht geben können.

Dieses Muster hat oft tiefe Wurzeln. Wer in der Kindheit wenig Anerkennung erfahren hat oder sein Selbstbild stark an äußere Bestätigung koppelt, ist anfälliger für die Versuchung eines Seitensprungs. Das Interesse einer anderen Frau funktioniert dann wie ein kurzfristiger Ego-Booster.

Das Problem: Die Wirkung hält nicht an. Nach dem ersten Rausch folgen Schuldgefühle, Heimlichtuerei und oft eine noch größere innere Leere. Nachhaltige Selbstwertstärkung funktioniert nicht über Affären, sondern über Selbstreflexion und gegebenenfalls therapeutische Begleitung.

Gelegenheit, Impuls und der Faktor Alltag

Die Forschung zeigt auch, dass äußere Umstände eine Rolle spielen. Männer, die beruflich viel reisen, häufig abends unterwegs sind oder in einem Umfeld arbeiten, in dem Flirten normalisiert ist, haben statistisch eine höhere Wahrscheinlichkeit, untreu zu werden.

Das liegt nicht daran, dass sie schlechtere Partner sind. Es liegt daran, dass Gelegenheit und Impuls zusammentreffen. In der Psychologie spricht man von situativer Versuchung: Je häufiger jemand in Situationen gerät, die einen Seitensprung begünstigen, desto wahrscheinlicher wird er, besonders wenn gleichzeitig die emotionale Bindung zum Partner schwach ist.

Alkohol, Stress und Schlafmangel senken zusätzlich die Hemmschwelle. Ein Seitensprung auf einer Geschäftsreise nach einem langen Abend mit Kollegen ist erschreckend häufig kein geplanter Betrug, sondern eine Verkettung von Umständen, die auf fehlende innere Leitplanken trifft.

Gesellschaft, Medien und der Mythos vom "echten Mann"

Kulturelle Einflüsse wirken subtiler, aber nicht weniger stark. In vielen Medienformaten wird männliche Untreue als eine Art natürliche Veranlagung dargestellt, fast schon als Kavaliersdelikt. Serien, Filme und Social Media normalisieren den Seitensprung oder glorifizieren ihn als Zeichen von Attraktivität.

Auch der soziale Druck im Freundeskreis spielt eine Rolle. Studien zeigen, dass Männer, deren enge Freunde Affären hatten, selbst eher untreu werden. Nicht weil sie es nachmachen wollen, sondern weil die moralische Hemmschwelle sinkt, wenn Untreue im eigenen Umfeld als normal gilt.

Das Gegenmittel ist ein bewusstes Wertesystem. Wer für sich klar definiert hat, was Treue bedeutet und warum sie ihm wichtig ist, lässt sich von äußeren Einflüssen weniger leicht verunsichern.

Was wirklich hilft: Prävention statt Schuldzuweisung

Untreue ist kein unausweichliches Naturgesetz. Die Mehrheit der Männer bleibt in ihren Beziehungen treu. Die Forschung zeigt klar, welche Faktoren das Risiko senken:

Wenn ein Seitensprung bereits passiert ist, entscheidet nicht der Fehltritt über die Zukunft der Beziehung, sondern der Umgang damit. Paare, die Untreue gemeinsam aufarbeiten, berichten in Studien häufig von einer langfristig stabileren Beziehung als vorher.

Weiterführende Links

Wer geht öfter fremd?
Was kostet eine Scheidung?
Wenn ein Mann fremdgehtelitepartner.de →Ursachen und Tipps (ElitePartner)
Warum Menschen fremdgehen (Spektrum.de)spektrum.de →
Der Coolidge-Effektalltagsforschung.de →Warum Männer fremdgehen (Alltagsforschung.de)