Zugvögel fliegen im Winter dorthin, wo sie noch Nahrung finden: in wintermilde Regionen Westeuropas, an den Mittelmeerraum oder bis südlich der Sahara nach Afrika. Wie weit die Reise geht, hängt von der Art ab. Kraniche rasten über Deutschland und überwintern in Spanien und Frankreich, während Rauchschwalben und Weißstörche Tausende Kilometer bis ins südliche Afrika zurücklegen. Rund 300.000 Kraniche überqueren jeden Herbst Deutschland auf ihrem Weg nach Südwesten, und der Hauptzug im Oktober ist einer der spektakulärsten Momente im heimischen Naturkalender.
Nicht jeder Vogel muss überhaupt weg. Manche bleiben das ganze Jahr über hier, andere ziehen nur ein Stück, und wieder andere fliegen bis ans andere Ende der Erde. Wer wohin fliegt und warum, folgt einem erstaunlich klaren Muster.
Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke: die drei Vogeltypen
Fachleute teilen Zugvögel nach der Distanz ihrer Reise ein. Diese Einteilung erklärt am besten, warum manche Arten schon im Frühherbst verschwinden und andere gemütlich bis November bleiben.
Kurzstreckenzieher fliegen nur bis in die wintermilden Regionen Westeuropas oder in den Mittelmeerraum. Dazu zählen viele Kraniche, Feldlerchen und Kiebitze. Ihr Winterquartier liegt oft nur wenige Hundert bis rund 2.000 Kilometer entfernt.
Mittelstreckenzieher überwintern im Mittelmeerraum oder in Nordafrika, kommen also bis an den Rand der Sahara, überqueren sie aber nicht.
Langstreckenzieher fliegen bis südlich der Sahara, teils bis nach Südafrika. Zu den rund 80 Langstreckenarten gehören Weißstorch, Rauchschwalbe, Mauersegler, Kuckuck und Nachtigall. Für sie beginnt die Reise früh: Mauersegler machen sich schon Ende Juli oder Anfang August auf den Weg.

Die konkreten Ziele der bekanntesten Zugvögel
Jede Art hat ihre feste Adresse für den Winter. Die folgende Übersicht zeigt, wohin die wichtigsten heimischen Zugvögel fliegen, wann sie starten und wie weit die Reise geht.
| Vogelart | Zielregion | Zugzeitraum | Distanz (je Richtung) |
|---|---|---|---|
| Kranich | Frankreich, Spanien (Extremadura) | Oktober bis November | rund 2.000 km |
| Weißstorch (Westzieher) | Sahelzone, Senegal bis Tschad | August bis September | bis 10.000 km |
| Weißstorch (Ostzieher) | Ost- und Südafrika | August bis September | bis 10.000 km |
| Rauchschwalbe | Subsahara-Afrika, bis Südafrika | September bis Oktober | rund 12.000 km |
| Mauersegler | Zentral- und südliches Afrika | Ende Juli bis August | 6.000 bis 8.000 km |
| Wildgänse | Küsten Deutschlands und der Niederlande | November | wenige Hundert bis 2.000 km |
Der Kranich ist der Star des deutschen Vogelzugs. Über 300.000 Tiere ziehen auf der südwestlichen Route über Deutschland. Die größten Sammelplätze liegen in der Rügen-Bock-Region am vorpommerschen Bodden, im Rhinluch bei Linum und in der Diepholzer Moorniederung. Ihr Ziel: Frankreich und vor allem die spanische Extremadura, wo etwa 130.000 Kraniche in den lichten Eichenwäldern, den "Dehesas", nach den Früchten der Steineichen suchen.
Der Weißstorch teilt sich in zwei Lager. Westzieher fliegen über die nur 14 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar, überqueren die Sahara und überwintern in der westafrikanischen Sahelzone. Fast drei Viertel der deutschen Störche sind aber Ostzieher: Sie ziehen über den Bosporus, folgen dem Niltal und legen bis Ost- und Südafrika teils über 10.000 Kilometer zurück. Von Europa bis Südafrika sind sie 8 bis 15 Wochen unterwegs.
Die Rauchschwalbe hält den Distanzrekord unter den bekannten Arten: Ihre Reise nach Südafrika ist rund 12.000 Kilometer lang. Wildgänse dagegen sind Wintergäste bei uns. Bis zu 180.000 arktische Gänse fliegen im November aus Sibirien und Skandinavien ein und überwintern an den friesischen Küsten, am Niederrhein und rund um die Region zwischen Duisburg und Nijmegen.
Wer bleibt und wer wird zum Teilzieher?
Nicht alle Vögel ziehen. Standvögel wie Amsel, Kohlmeise und Haussperling bleiben das ganze Jahr in ihrem Revier. Sie stellen im Winter auf andere Nahrung um, etwa Beeren und Sämereien, und überstehen die kalte Zeit hier.
Spannend ist die wachsende Gruppe der Teilzieher. Bei ihnen zieht nur ein Teil der Population in den Süden, der andere bleibt im Brutgebiet. Amsel und Star sind klassische Beispiele. Immer mehr dieser Vögel bleiben inzwischen ganz da oder ziehen kürzere Strecken, weil die Winter milder werden und oft genug Nahrung vorhanden ist. Auch der Weißstorch entwickelt sich zunehmend zum Jahresvogel in Deutschland. Der Trend zeigt: Der Vogelzug ist kein starres Programm, sondern passt sich an das Klima an.
Wann genau die Reise losgeht, hängt eng mit dem Wechsel der Jahreszeiten zusammen. Mehr dazu, wann die kühle Jahreszeit astronomisch und meteorologisch startet, liest du unter Wann beginnt der Herbst 2026?.

Wie finden Zugvögel überhaupt den Weg?
Ein junger Storch fliegt im ersten Herbst allein bis nach Afrika, ohne je dort gewesen zu sein. Möglich macht das ein angeborener Zuginstinkt: Richtung und ungefähre Dauer der Reise stecken im Erbgut. Für die Feinnavigation nutzen Vögel gleich mehrere Systeme parallel.
- Erdmagnetfeld: Ein eingebauter Magnetkompass weist die Richtung, besonders bei schlechtem Wetter, wenn Sonne und Sterne verdeckt sind.
- Sonnenstand: Tagsüber orientieren sich Zugvögel bei klarem Himmel an der Position der Sonne.
- Sternenhimmel: Nachtzieher lesen den Sternenhimmel und die Drehung um den Polarstern.
- Landmarken: Flüsse, Küstenlinien und Gebirge dienen als Leitlinien, an denen entlang sich der Zug orientiert.
Diese Systeme greifen ineinander. Fällt eines aus, übernehmen die anderen. Deshalb finden Vögel auch nachts, über dem offenen Meer oder bei dichten Wolken zuverlässig ihren Weg. Warum sich passend zur Zugzeit auch die Landschaft verfärbt, erklärt der Beitrag Warum verfärben sich Blätter im Herbst?.
Fazit
Zugvögel fliegen im Winter genau so weit, wie sie müssen. Kraniche kommen mit Spanien und Frankreich aus, Wildgänse machen es sich sogar an Nord- und Ostsee gemütlich, während Rauchschwalben und Störche bis ins südliche Afrika ziehen. Ob eine Art bleibt, kurz zieht oder den halben Erdball überquert, hängt von Nahrung und Klima ab. Und weil die Winter milder werden, bleiben immer mehr Teilzieher einfach hier. Wenn im Oktober die Kranichrufe über Deutschland ziehen, siehst du das eindrucksvollste Kapitel dieser Reise direkt am Himmel.