Fibromyalgie ist eine dieser Erkrankungen, die man nicht sieht, die aber den gesamten Alltag durchdringt. Wer danach sucht, wo genau die Schmerzen sitzen, stößt schnell auf die berühmten 18 Tender Points. Doch die Diagnostik hat sich verändert. Hier erfährst du, wo die klassischen Punkte liegen, warum sie heute nur noch eine Nebenrolle spielen und was stattdessen zählt.

Was ist Fibromyalgie eigentlich?

Fibromyalgie (auch Fibromyalgiesyndrom, kurz FMS) ist eine chronische Schmerzerkrankung. Typisch sind weitverbreitete Schmerzen in Muskeln, Sehnen und Bändern, die über Monate oder Jahre anhalten. Dazu kommen häufig Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten (oft als "Fibro-Fog" bezeichnet) und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Reizen wie Kälte, Druck oder Lärm.

Die genaue Ursache ist bis heute nicht abschließend geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass bei Betroffenen die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn und Rückenmark gestört ist. Das Nervensystem reagiert also überempfindlich auf Signale, die bei anderen Menschen keine Schmerzreaktion auslösen würden. Genetische Veranlagung, Stress, Infektionen und psychische Belastungen gelten als mögliche Auslöser oder Verstärker.

Die 18 klassischen Tender Points

1990 definierte das American College of Rheumatology (ACR) 18 spezifische Druckpunkte am Körper, die sogenannten Tender Points. Diese Punkte sind paarweise angeordnet, also neun auf jeder Körperseite. Bei der Untersuchung drückte der Arzt mit dem Daumen auf diese Stellen. Meldete der Patient an mindestens 11 von 18 Punkten Schmerzen, galt die Diagnose als gesichert.

Die neun Paare im Überblick:

Nr. Körperstelle Lage
1 Hinterhaupt Ansatz der Nackenmuskulatur am Hinterkopf
2 Unterer Halsbereich Vorderseite des Halses, Höhe C5 bis C7
3 Trapezmuskel Mitte des oberen Trapezmuskels (Schulter-Nacken-Bereich)
4 Supraspinatus Oberhalb des Schulterblatts, nahe der Wirbelsäule
5 Zweite Rippe Knorpel-Knochen-Übergang der zweiten Rippe, oberer Brustbereich
6 Epicondylus lateralis Außenseite des Ellbogens, etwa 2 cm unterhalb
7 Gluteal Oberer äußerer Quadrant des Gesäßes
8 Trochanter major Seitlicher Hüftknochen, hinterer Rand
9 Knie Innenseite des Kniegelenks, Fettpolster oberhalb des Gelenkspalts

Diese 18 Punkte liegen also verteilt über Nacken, Schultern, Brust, Rücken, Hüften, Ellbogen und Knie. Wenn du dir das bildlich vorstellst, ergibt sich ein Muster, das den gesamten Oberkörper und die großen Gelenke abdeckt.

Etwa 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von Fibromyalgie betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer
Etwa 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von Fibromyalgie betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer

Warum die Tender Points heute kaum noch geprüft werden

So einprägsam die 18 Punkte auch sind, in der modernen Diagnostik spielen sie nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Grund: Die Untersuchung war zu fehleranfällig. Wie fest der Arzt drückte, wie der Patient reagierte, ob gerade ein guter oder schlechter Tag war, all das beeinflusste das Ergebnis. Viele Betroffene mit typischen Fibromyalgie-Beschwerden erreichten die Schwelle von 11 Punkten nicht, andere ohne FMS schon.

Deshalb veröffentlichte das ACR 2010 und 2016 überarbeitete Diagnosekriterien, die ohne Druckpunktuntersuchung auskommen. Stattdessen stehen zwei Instrumente im Mittelpunkt:

Für die Diagnose nach den aktuellen Kriterien muss der WPI mindestens 7 betragen und die SSS mindestens 5, oder alternativ der WPI zwischen 4 und 6 liegen bei einer SSS von mindestens 9. Außerdem müssen die Symptome seit mindestens drei Monaten bestehen, und es darf keine andere Erkrankung vorliegen, die die Beschwerden besser erklärt.

Tender Points vs. Trigger Points: ein häufiges Missverständnis

Die Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber unterschiedliche Dinge. Tender Points sind Stellen, die bei Druck empfindlich reagieren, aber keine Schmerzen in andere Körperregionen ausstrahlen. Trigger Points hingegen sind verhärtete Stellen in der Muskulatur (myofasziale Triggerpunkte), die bei Druck einen sogenannten "übertragenen Schmerz" in entfernte Körperbereiche senden. Trigger Points kommen bei vielen Menschen vor, auch ohne Fibromyalgie. Die 18 klassischen Punkte der Fibromyalgie-Diagnostik sind korrekt als Tender Points bezeichnet.

Behandlungsmöglichkeiten bei Fibromyalgie

Eine Heilung gibt es bislang nicht, aber die Beschwerden lassen sich oft deutlich lindern. Die aktuellen Leitlinien empfehlen einen multimodalen Ansatz, also eine Kombination aus verschiedenen Bausteinen:

Leben mit Fibromyalgie

Fibromyalgie ist nicht lebensbedrohlich und führt nicht zu Gelenkzerstörung oder Organschäden. Trotzdem kann die Erkrankung den Alltag erheblich einschränken. Ein paar Dinge, die Betroffene häufig als hilfreich beschreiben:

Die Forschung arbeitet daran, die Mechanismen hinter der zentralen Sensibilisierung besser zu verstehen. Neue Ansätze, etwa in der Neurostimulation oder bei gezielteren Medikamenten, geben Grund zur Hoffnung, auch wenn der Weg zur Heilung noch weit ist.

Weiterführende Links

Deutsche Fibromyalgie Vereinigung e.V.fibromyalgie-fms.de →