Von Neapel in die ganze Welt: Wie die Pizza entstand, wer die Margherita erfand und warum ein armes Straßenessen zum globalen Kultgericht wurde.
Fladenbrot vor 3.000 Jahren: Die Vorfahren der Pizza
Wer eine einzelne Person als "Erfinder der Pizza" benennen will, wird enttäuscht. Das Konzept ist zu alt und zu weit verbreitet, als dass es auf einen Moment oder einen Menschen zurückgehen könnte. Was wir heute Pizza nennen, hat eine Entwicklungsgeschichte, die mehrere Jahrtausende umspannt.
Die alten Griechen backten eine Fladenart namens "Plakous", belegt mit Oliven, Zwiebeln und Ziegenkäse. Die Römer übernahmen die Idee und verfeinerten sie: Ihr "Placenta" genanntes Fladenbrot kam mit Käse, Kräutern und Olivenöl auf den Tisch. Auch Legionäre sollen auf Feldzügen Fladenbrot auf ihren Schilden gebacken haben, und das ist wahrscheinlich mehr Legende als Wahrheit, zeigt aber, wie tief verwurzelt das Prinzip war.
Entscheidend: All diesen antiken Varianten fehlte eine Zutat, die die heutige Pizza definiert. Die Tomate. Sie stammt aus Südamerika und kam erst nach der Entdeckung Amerikas 1492 nach Europa. Anfangs galt sie als giftig und wurde in Europa kaum gegessen. Das änderte sich erst im 18. Jahrhundert, als die Tomate in Süditalien zum Volksnahrungsmittel wurde.
Neapel im 18. Jahrhundert: Hunger als Erfinderin
Der eigentliche Ursprung der modernen Pizza liegt in Neapel, und er ist eng mit Armut verknüpft. Neapel war im 18. Jahrhundert eine der dichtest besiedelten Städte Europas, mit einem riesigen Anteil an "Lazzaroni", den mittellosen Unterschicht-Bewohnern. Diese Menschen brauchten Essen, das billig, schnell und sättigend war.
Die Lösung: Bäcker und fliegende Händler verkauften belegte Fladenbrote direkt auf der Straße. Kein Besteck, keine Sitzgelegenheit, kein langes Warten. Ein Teigfladen, bestrichen mit Tomaten, gewürzt mit Salz und Oregano, manchmal mit einem Stück Käse belegt. Das war die frühe neapolitanische Pizza.
Diese Straßenpizza galt in bürgerlichen Kreisen lange als Arme-Leute-Essen und wurde von Reisenden aus Norditalien oder Nordeuropa oft mit Verachtung beschrieben. Was sie nicht ahnten: Genau diese schlichte Kombination aus gutem Teig, Säure und Umami würde zwei Jahrhunderte später die ganze Welt begeistern.

Raffaele Esposito und die Geburt der Margherita
Der am häufigsten genannte Name in der Pizzageschichte ist Raffaele Esposito. Er betrieb in Neapel die Pizzeria "Pietro il Pizzaiolo" und galt als einer der besten seines Fachs. 1889 besuchte das italienische Königspaar, König Umberto I. und Königin Margherita von Savoyen, Neapel. Esposito wurde beauftragt, ihnen Pizzen zu servieren, und er soll drei Varianten zubereitet haben.
Die dritte Variante trug die Farben der italienischen Nationalflagge: rote Tomaten, weißer Mozzarella, grünes Basilikum. Die Königin soll sich begeistert gezeigt haben, woraufhin Esposito die Pizza nach ihr benannte: Pizza Margherita.
Belegt ist dieses Ereignis durch ein Schreiben des königlichen Hofes, das die Pizzeria lobte. Ob Esposito tatsächlich der Erste war, der diese Kombination auf einen Teig legte, ist historisch nicht gesichert. Fakt ist jedoch: Das Ereignis gab der Pizza erstmals ein offizielles, königliches Prestige und half ihr, aus der Arme-Leute-Ecke herauszukommen.
Von Neapel nach New York: Die Pizza reist mit den Emigranten
Der nächste entscheidende Schritt in der Pizzageschichte ist kein Koch, sondern eine Migrationswelle. Zwischen 1880 und 1920 verließen rund vier Millionen Süditalienern ihre Heimat und reisten vorwiegend in die USA. Sie brachten ihre Essgewohnheiten mit, darunter die Pizza.
1905 eröffnete Gennaro Lombardi in New York City die erste bekannte Pizzeria der USA, in der Little Italy in Manhattan. Die Pizza wurde schnell populär, zunächst vor allem in der italienischen Einwanderergemeinschaft, dann aber immer weiter darüber hinaus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich die Verbreitung stark. Amerikanische Soldaten hatten in Italien Pizza gegessen und wollten sie zu Hause wiederhaben. Ketten wie Pizza Hut (gegründet 1958) und Domino's (gegründet 1960) industrialisierten das Konzept und machten Pizza zur Fast-Food-Kategorie. Von den USA aus verbreitete sich die Pizza in den folgenden Jahrzehnten global.
Wie sich die wichtigsten Pizzastile unterscheiden
Heute gibt es nicht "die Pizza", sondern dutzende regionale Stile mit eigenen Regeln. Die wichtigsten im Überblick:
| Stil | Herkunft | Teig | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Napoletana | Neapel, Italien | Weich, dünn, mit Rand | Holzofen, max. 90 Sek. Backzeit |
| New York Style | New York, USA | Dünn, biegsam | Große Stücke, zum Falten geeignet |
| Chicago Deep Dish | Chicago, USA | Dick, hoher Rand | Eher Auflauf als Pizza |
| Pizza al Taglio | Rom, Italien | Rechteckig, luftig | Wird nach Gewicht verkauft |
| Pinsa Romana | Rom (modernisiert) | Mehlig, oval, leicht | Teig aus Dinkel- und Reismehl |
| Frozen Pizza | Industriell | Standardisiert | Größte Mengen weltweit |
Die "Vera Pizza Napoletana" ist seit 2017 sogar UNESCO-Kulturerbe als "immaterielles Kulturerbe der Menschheit". Das ist keine Kleinigkeit: Die Aufnahme in diese Liste teilt die Pizza mit Praktiken wie dem japanischen Washoku oder dem mexikanischen Mariachi.
Warum die Pizza so erfolgreich wurde
Dass ausgerechnet die Pizza zum meistverkauften Gericht der Welt wurde, hat nachvollziehbare Gründe. Das Grundprinzip, ein Teig als Basis mit Sauce und Belag, ist kulturell neutral und lässt sich an fast jeden Geschmack anpassen. Niemand fühlt sich durch eine Pizza kulturell ausgeschlossen.
Dazu kommt: Pizza ist skalierbar. Sie funktioniert als Handkäse für einen Euro auf der Straße genauso wie als 40-Euro-Gericht mit Trüffel und Büffelmozzarella in einem Gourmetrestaurant. Kaum ein anderes Gericht deckt diese Bandbreite ab.
Allein in Deutschland wurden 2023 rund 1,4 Milliarden Pizzen konsumiert, ob tiefgekühlt, beim Lieferdienst oder im Restaurant. Der globale Pizzamarkt wird auf über 145 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.
Fazit: Kein Erfinder, aber eine klare Heimat
Die Pizza hat keinen einzelnen Erfinder. Sie ist das Ergebnis von Jahrhunderten kulinarischer Entwicklung, von antiken Fladenbroten über das arme Neapel des 18. Jahrhunderts bis zur globalen Fastfood-Industrie. Wenn man trotzdem einen Moment nennen muss, der die Pizza definiert hat, dann ist es das Neapel der Armenviertel, wo belegte Teigfladen zur überlebensnotwendigen Alltagsspeise wurden.
Raffaele Esposito gab ihr mit der Margherita ein Gesicht und einen Namen. Italiens Auswanderer brachten sie in die Welt. Und der Rest ist, im wahrsten Sinne, Geschichte.





