Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Deutschland das Wehrdienstmodernisierungsgesetz. Es verpflichtet alle jungen Männer ab 18, einen Fragebogen der Bundeswehr auszufüllen. Ab Mitte 2027 folgt die Pflichtmusterung. Der eigentliche Dienst bleibt vorerst freiwillig, doch das Gesetz enthält einen Eskalationsmechanismus bis hin zur Bedarfswehrpflicht. Rund 650.000 junge Menschen pro Jahrgang erhalten Post von der Bundeswehr. Hier erfährst du, was genau auf dich zukommt, welche Rechte du hast und warum Zehntausende Schüler gegen das Gesetz protestieren.
Was das neue Gesetz regelt
Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG) wurde am 5. Dezember 2025 vom Bundestag mit 323 zu 272 Stimmen beschlossen und trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Es ersetzt nicht die ausgesetzte Wehrpflicht, sondern modernisiert die sogenannte Wehrerfassung. Das Ziel: Die Bundeswehr will ihren Personalbestand von aktuell rund 184.200 Soldaten auf 255.000 bis 270.000 bis zum Jahr 2035 steigern.
Das Gesetz funktioniert in drei Stufen. Stufe eins ist die verpflichtende Erfassung per Fragebogen, die seit Januar 2026 läuft. Stufe zwei ist die Pflichtmusterung, die ab Juli 2027 schrittweise beginnt. Stufe drei wäre die Bedarfswehrpflicht, die der Bundestag in einem separaten Gesetz aktivieren müsste, falls zu wenige Freiwillige kommen.
Wichtig: Die allgemeine Wehrpflicht wurde 2011 ausgesetzt, nicht abgeschafft. Sie steht weiterhin im Grundgesetz (Art. 12a GG). Das neue Gesetz führt sie nicht wieder ein, schafft aber die Infrastruktur für eine mögliche Reaktivierung.
Der Fragebogen: Wer muss ihn ausfüllen?
Seit Mitte Januar 2026 verschickt die Bundeswehr Briefe an alle deutschen Staatsbürger des Jahrgangs 2008. Im Umschlag steckt ein QR-Code, der zu einem Online-Fragebogen führt. Die rund zwölf Fragen dauern etwa 15 Minuten und erfassen persönliche Daten, Körpergröße, Gewicht, Bildungsabschlüsse, körperliche Leistungsfähigkeit und die Bereitschaft zum Wehrdienst.
Für Männer ist das Ausfüllen Pflicht. Die Frist beträgt einen Monat. Frauen erhalten den Fragebogen ebenfalls, die Teilnahme ist für sie aber freiwillig. Wer die erste Frist verstreichen lässt, bekommt ein zweites Schreiben per Einschreiben. Reagiert man auch darauf nicht oder macht absichtlich falsche Angaben, droht ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro.
Die bisherige Bilanz: Bis Februar 2026 wurden rund 40.000 Fragebögen verschickt. Die Rücklaufquote liegt bei etwa 25 Prozent insgesamt: rund 50 Prozent der Männer haben geantwortet, aber nur 6 Prozent der Frauen.

So läuft die Musterung ab
Wer im Fragebogen Bereitschaft signalisiert und geeignet erscheint, wird zu einem Ein-Tages-Assessment in einem Karrierecenter der Bundeswehr eingeladen. Die verpflichtende Musterung für komplette Jahrgänge soll ab Mitte 2027 starten, wenn die nötigen Strukturen stehen.
Die Untersuchung umfasst einen Gesundheitsfragebogen, eine ärztliche Untersuchung (Herz-Kreislauf, Lunge, Gelenke, Wirbelsäule, Hör- und Sehtest), Blutbild und Urinprobe inklusive Drogenscreening sowie einen computergestützten kognitiven Leistungstest. Am Ende steht ein Tauglichkeitsgrad: wehrdienstfähig, vorübergehend nicht wehrdienstfähig oder nicht wehrdienstfähig.
Was der Dienst konkret bedeutet
Der freiwillige Wehrdienst dauert mindestens sechs Monate und kann auf bis zu 23 Monate verlängert werden. Die ersten drei Monate sind Grundausbildung. Bei einer Verpflichtung ab zwölf Monaten erhält man den Status "Soldat auf Zeit".
| Merkmal | Alter Wehrdienst (bis 2011) | Neuer Wehrdienst (ab 2026) |
|---|---|---|
| Grundprinzip | Allgemeine Wehrpflicht | Freiwilligkeit mit Pflichterfassung |
| Dauer | Zuletzt 6 Monate | 6 bis 23 Monate |
| Vergütung | ca. 300-400 Euro | ca. 2.600 Euro brutto |
| Frauen | Komplett ausgenommen | Können sich freiwillig melden |
| Zivildienst | Pflicht-Ersatzdienst | Derzeit kein Ersatzdienst |
| Musterung | Verpflichtend für alle Männer | Ab 2027 schrittweise verpflichtend |
Die Vergütung ist deutlich höher als beim alten Wehrdienst: mindestens 2.600 Euro brutto monatlich, etwa 2.000 Euro netto. Ab zwölf Monaten steigt der Sold auf rund 2.700 Euro. Dazu kommen kostenlose medizinische Versorgung, Sozialversicherungsbeiträge durch die Bundeswehr und Zuschüsse zum Führerschein.
Verweigerung, Ausnahmen und Zivildienst
Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung nach Art. 4 Abs. 3 GG bleibt vollständig bestehen. Der Antrag muss beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) eingereicht werden und erfordert einen tabellarischen Lebenslauf sowie eine ausführliche persönliche Begründung.
Da der Wehrdienst aktuell auf Freiwilligkeit beruht, gibt es derzeit keinen verpflichtenden Ersatzdienst und damit keinen klassischen Zivildienst. Sollte die Bedarfswehrpflicht aktiviert werden, müsste laut Grundgesetz automatisch ein Ersatzdienst eingerichtet werden. Diskutiert wird, diesen über bestehende Formate wie FSJ, FÖJ oder Bundesfreiwilligendienst abzuwickeln.
Wer dafür ist und wer dagegen
Die Debatte um den Wehrdienst spaltet Deutschland entlang einer klaren Altersgrenze. Laut Civey-Umfrage bewerten 56 Prozent der Gesamtbevölkerung den neuen Wehrdienst positiv. Bei den 18- bis 29-Jährigen sieht es anders aus: 49 Prozent bewerten ihn negativ, nur 43 Prozent positiv. 79 Prozent aller Befragten sprechen sich stattdessen für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr aus.
Am 5. März 2026 gingen rund 50.000 Schüler in über 140 Städten auf die Straße. In Berlin demonstrierten 6.000, in München, Erfurt und Bremen jeweils rund 1.000. Organisiert wurde der Schulstreik vom Bündnis "Schulstreik gegen Wehrpflicht", unterstützt von GEW, IG Metall, Jusos, Grüner Jugend und Linksjugend. Die Slogans: "Sterben steht nicht auf dem Stundenplan" und "Ein kluger Kopf passt unter keinen Stahlhelm".

Im Bundestag stimmten CDU/CSU und SPD für das Gesetz, Grüne, FDP, Linke und BSW dagegen. Die CDU plant perspektivisch eine "aufwachsende Wehrpflicht" mit verpflichtendem Gesellschaftsjahr. Die FDP lehnt jede Wehrpflicht als "massive Einschränkung der Freiheit junger Menschen" ab.
Wie es in anderen EU-Ländern aussieht
Deutschland ist nicht allein mit der Debatte. Zehn EU-Staaten haben aktuell eine aktive Wehrpflicht, darunter Finnland (6 bis 12 Monate), Österreich (6 Monate) und Griechenland (12 Monate). Schweden hat 2017 eine geschlechtsneutrale Wehrpflicht wiedereingeführt, Lettland folgte 2024, Kroatien 2026. Dänemark hat die Wehrpflicht im Juli 2025 auf Frauen ausgeweitet und die Dauer auf elf Monate verlängert. Der Trend in Europa ist eindeutig: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine kehren immer mehr Länder zur Wehrpflicht zurück.
Was du jetzt tun solltest
Falls du 2008 geboren bist, wirst du 2026 den Fragebogen erhalten. Fülle ihn innerhalb der Monatsfrist aus, auch wenn du keinen Wehrdienst leisten willst. Ignorieren kostet bis zu 1.000 Euro Bußgeld. Falls du den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen ablehnst, kannst du jederzeit einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen. Die Fahrerlaubnis bleibt auch ohne Wehrdienst bestehen, und die Musterung beginnt frühestens Mitte 2027.
Die Bundeswehr muss alle sechs Monate dem Bundestag über den Personalaufwuchs berichten. Werden die Ziele nicht erreicht, könnte der Bundestag die Bedarfswehrpflicht aktivieren. Ein Losverfahren unter tauglich Gemusterten wäre dann als letztes Mittel möglich. Ob es dazu kommt, hängt davon ab, wie viele Freiwillige sich in den nächsten Jahren melden.





