Wenn Wespen ab August plötzlich um deinen Kaffeetisch kreisen, liegt das nicht an gestiegener Aggression, sondern an einem Versorgungsengpass im Nest. Im Hochsommer endet das Brutgeschäft. Die Larven, die den erwachsenen Arbeiterinnen den ganzen Sommer über eine zuckerhaltige Flüssigkeit als Gegenleistung fürs Füttern liefern, verpuppen sich. Damit fällt die hauseigene Zuckerquelle weg, und tausende Tiere müssen sich von einem Tag auf den anderen woanders versorgen. Genau dann landen sie bei Kuchen, Cola und Grillfleisch. Hier liest du, was im Nest passiert, warum nur zwei Arten überhaupt an dein Essen gehen und welche Reflexe die Lage genau verschlimmern.
Was im Nest passiert: die Larven als Futterspeicher
Ein Wespenvolk funktioniert den Sommer über als Tauschsystem. Die Arbeiterinnen jagen Insekten, zerkauen sie und verfüttern den Eiweißbrei an die Larven. Im Gegenzug scheiden die Larven eine zuckerhaltige Flüssigkeit aus, von der sich die erwachsenen Tiere ernähren. "Die Larven sind der Futterspeicher des Wespenvolks", erklärt die Wespenexpertin Melanie von Orlow vom NABU gegenüber scinexx. Solange das Nest voller Brut ist, sind die Arbeiterinnen also rundum versorgt und haben keinen Grund, an deinen Tisch zu kommen.
Im Hochsommer kippt dieses Gleichgewicht. Die Königin stellt die Eiablage ein, die letzten Larven verpuppen sich, und der Nachschub an süßer Larvenflüssigkeit versiegt. Ab diesem Punkt suchen die Arbeiterinnen ihren Zucker draußen, und zwar in Form von Nektar, Fallobst, Fruchtsäften, Limonade und Kuchen. Parallel brauchen sie weiterhin Eiweiß, deshalb interessieren sie sich auch für Wurst und Grillfleisch. Was wie plötzliche Dreistigkeit wirkt, ist schlicht Hunger eines Volkes ohne eigene Vorräte.
Die Zahlen dahinter erklären, warum es sich nach Plage anfühlt. Ein einzelnes Wespenvolk kann im Spätsommer auf bis zu 12.000 Tiere anwachsen. Wenn dieser Höchststand mit dem Wegfall der internen Zuckerquelle zusammenfällt, sind im August schlicht maximal viele Wespen unterwegs, die alle auf Futtersuche sind. Mehr Tiere plus mehr Bewegungsdrang ergeben den Eindruck gesteigerter Aggressivität, obwohl das einzelne Tier nicht angriffslustiger ist als im Juni.
| Zeitraum | Was im Nest passiert | Verhalten der Wespen |
|---|---|---|
| Mai bis Juni | Königin legt Eier, Volk wächst, viele Larven | Jagen Insekten, bleiben am Nest, Mensch uninteressant |
| Juli | Volk nahe Maximum, Brut noch reichlich | Erste Tiere am Tisch, Larvenfutter noch vorhanden |
| August | Eiablage endet, Larven verpuppen sich | Zuckerquelle weg, massenhaft Futtersuche bei uns |
| September/Oktober | Volk stirbt ab, nur Jungköniginnen bleiben | Wenige, träge Tiere, dann Ende der Saison |
Warum nur zwei Arten überhaupt an dein Essen gehen
Der schlechte Ruf trifft eine ganze Tiergruppe, verdient haben ihn aber nur zwei Arten. Von den staatenbildenden Wespen in Deutschland interessieren sich laut NABU einzig die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica) für menschliches Essen. Beide gehören zu den Kurzkopfwespen. Nur sie fliegen auf Steaks, Süßigkeiten und Kuchen, wie der NABU ausdrücklich festhält. Alle übrigen heimischen sozialen Wespenarten, darunter die Langkopfwespen und die Hornisse, ernähren sich von Insekten, Nektar und Pflanzensäften und kreuzen Picknicks praktisch nie.
Das ist mehr als eine Fußnote. Wenn ein graues, papierartiges Nest sichtbar unter dem Dachvorsprung oder in einem Strauch hängt, gehört es fast immer zu einer der harmlosen, frei bauenden Arten. Die beiden Problemarten nisten dagegen versteckt: im Boden, im Rollladenkasten oder im Hohlraum hinter der Fassadenverkleidung. Ein gut sichtbares Nest am Haus ist also seltener das Problem als das unsichtbare im Erdreich. Wer das weiß, spart sich Panik vor dem falschen Nest. Wie du im Streitfall mit einem Nest umgehst, steht ausführlich unter wann darf man ein Wespennest entfernen.
Auch die Hornisse, die wegen ihrer Größe am meisten Angst auslöst, gehört zu den friedlichen Arten. Sie steht zudem unter besonderem Artenschutz nach Paragraf 44 Bundesnaturschutzgesetz, ihr Nest anzurühren ist tabu. Die Tiere, die dir den Kuchen streitig machen, sind also ausgerechnet die kleineren, unscheinbaren Vespula-Arten.

Diese Reflexe verschlimmern die Lage
An dieser Stelle kostet dich Halbwissen einen Stich. Die beiden häufigsten Reaktionen am Tisch, wedeln und pusten, sind genau die zwei, die eine Wespe in Verteidigungsbereitschaft versetzen. Wer das weiß, senkt sein Stichrisiko spürbar, ohne überhaupt etwas tun zu müssen.
Das Pusten ist der unterschätzte Fehler. Das in deinem Atem enthaltene Kohlendioxid gilt im Wespennest als Alarmsignal, es markiert dort einen Angreifer. Bläst du eine Wespe an, sendest du also unbewusst genau das Signal, das im Nest "Gefahr" bedeutet. Der BUND formuliert es direkt: "Pusten Sie die Wespen nicht mit Ihrer Atemluft an. Ausgeatmetes CO2 macht Wespen aggressiver." Das hektische Wedeln wirkt ähnlich. "Schlagen Sie auf keinen Fall um sich oder wedeln Sie wild herum. Das versetzt die Wespen in Alarmbereitschaft", heißt es beim BUND. Eine Wespe sticht nur, wenn sie sich bedroht fühlt, und ruckartige Bewegungen erzeugen genau dieses Gefühl.
Auch am Nest selbst gilt eine konkrete Faustregel. Laut NABU fühlen sich Wespen nicht bedroht, solange du rund zwei Meter Abstand zum Nest hältst, keine Erschütterungen verursachst und die Einflugschneise nicht blockierst. Wer mit dem Rasenmäher oder beim Heckenschnitt zu nah ans Bodennest kommt, löst die Verteidigung mechanisch aus, ohne ein einziges Tier direkt zu reizen. Das ist der häufigste Weg, wie aus einem ruhigen Volk ein Schwarm wird.
| Reflex | Warum er gefährlich ist | Besser so |
|---|---|---|
| Wespe anpusten | CO2 im Atem gilt im Nest als Alarmsignal | Ruhig sitzen bleiben, Tier ignorieren |
| Wild wedeln, schlagen | Versetzt die Wespe in Alarmbereitschaft | Langsame, ruhige Bewegungen |
| Nest annähern unter 2 Meter | Erschütterung löst die Verteidigung aus | Rund 2 Meter Abstand, Flugbahn frei lassen |
| Süßes offen stehen lassen | Lockt das ganze Volk an den Tisch | Speisen abdecken, Ablenkfutter aufstellen |
Worauf du im August achten solltest
Die gute Nachricht zuerst: Das Problem löst sich von selbst. Nur die jungen, befruchteten Königinnen überwintern, alle anderen Tiere sterben im Herbst. "Was für uns Menschen die letzten Sommerwochen des Jahres sind, sind für die Wespen die letzten Tage ihres Lebens", schreibt der BUND. Ab Ende August schrumpfen die Völker, bis die Saison vorbei ist. Du musst also nichts ausräuchern und nichts bekämpfen, du musst nur ein paar Wochen überbrücken.
Praktisch heißt das: Decke Speisen und Getränke draußen ab, denn was die Wespe nicht riecht, sucht sie nicht. Stell Kindern nach dem Essen den Mund sauber, gerade Saftreste sind ein Magnet. Trage gedeckte oder dunkle Kleidung statt bunter Muster und verzichte auf stark parfümierte Pflegeprodukte. Wenn du Wespen vom Tisch weglocken willst, hilft Ablenkfutter wie überreife Trauben oder ein Stück Kuchen in fünf bis zehn Metern Entfernung deutlich besser als jeder Abwehrversuch direkt am Teller. Und kontrolliere offene Getränke, bevor du trinkst: Ein Strohhalm verhindert, dass du eine Wespe in den Mund nimmst.
Wenn es dich oder dein Kind doch erwischt, zählt der richtige Umgang mit dem Stich. Wann ein Stich harmlos ist und wann nicht, liest du unter was tun bei einem Wespenstich. Für die ernsten Fälle, etwa bei einer Allergie oder einem Stich im Mund- und Rachenraum, erklärt wann ein Wespenstich lebensgefährlich wird, woran du eine echte Notlage erkennst. In aller Regel reicht im August aber Gelassenheit: ruhig bleiben, abdecken, abwarten. Das Volk hat ohnehin nur noch wenige Wochen.
