Grüne Schleier, rote Vorhänge und violette Streifen am Nachthimmel: Was lange nur in Skandinavien oder Island zum Alltag gehörte, ist seit 2024 regelmässig über Deutschland zu beobachten. Polarlichter, wissenschaftlich Aurora Borealis genannt, tauchen plötzlich über Rügen, dem Harz und sogar über München auf. Kein Zufall, denn dahinter steckt ein kosmischer Rhythmus, der gerade seinen Höhepunkt erreicht. In diesem Artikel erfährst du, warum der Sonnenzyklus 25 so aussergewöhnlich stark ist, welche spektakulären Sichtungen es seit 2024 gab, wo du in Deutschland die besten Chancen hast und wie du Polarlichter mit der Kamera einfängst.

So entstehen Polarlichter: Sonnenwind trifft Erdatmosphäre

Polarlichter beginnen auf der Sonne. Unser Stern schleudert permanent geladene Teilchen ins All, hauptsächlich Elektronen und Protonen. Dieser Teilchenstrom heisst Sonnenwind und rast mit 300 bis 800 Kilometern pro Sekunde durch das Sonnensystem. Normalerweise lenkt das Magnetfeld der Erde diese Teilchen ab, doch an den magnetischen Polen gibt es Schwachstellen. Dort dringen die Teilchen in die obere Atmosphäre ein und treffen auf Sauerstoff- und Stickstoffatome in 80 bis 300 Kilometern Höhe.

Bei diesen Kollisionen werden die Atome angeregt, das heisst, ihre Elektronen springen auf ein höheres Energieniveau. Wenn sie zurückfallen, geben sie die überschüssige Energie als Licht ab. Welche Farbe dabei entsteht, hängt vom beteiligten Gas und von der Höhe ab. Sauerstoff in 100 bis 150 Kilometern Höhe erzeugt das typische Grün bei einer Wellenlänge von 557,7 Nanometern. Über 200 Kilometer liefert Sauerstoff ein tiefes Rot. Stickstoff ist verantwortlich für blaue und violette Töne, die vor allem bei besonders starken geomagnetischen Stürmen sichtbar werden.

Normalerweise konzentrieren sich Polarlichter auf einen Ring um die magnetischen Pole, den sogenannten Polarlichtoval. Doch bei heftigen Sonnenstürmen weitet sich dieser Oval aus und verschiebt sich Richtung Äquator. Genau dann werden Polarlichter auch in mittleren Breiten wie Deutschland sichtbar.

Sonnenzyklus 25: Stärker und früher als erwartet

Die Sonne folgt einem Aktivitätszyklus von durchschnittlich elf Jahren. In dieser Zeit schwankt die Zahl der Sonnenflecken zwischen einem Minimum und einem Maximum. Mehr Sonnenflecken bedeuten mehr Eruptionen, mehr koronale Massenauswürfe (CMEs) und damit mehr Chancen auf Polarlichter in niedrigen Breiten.

Der aktuelle Sonnenzyklus 25 begann offiziell im Dezember 2019 mit einem Sonnenfleckenminimum. Die Prognosen von NASA und NOAA waren zunächst zurückhaltend: Man erwartete ein moderates Maximum von etwa 115 Sonnenflecken im Juli 2025. Die Realität sieht ganz anders aus. Der Zyklus erreichte seinen Höhepunkt bereits im Oktober 2024 mit einem geglätteten Sonnenfleckenwert von rund 161. Bis Ende 2025 verzeichneten Beobachtungsstationen durchschnittlich 31 Prozent mehr Sonnenflecken pro Tag als zum gleichen Zeitpunkt im vorherigen Zyklus 24. Das macht den aktuellen Zyklus zu einem der dynamischsten seit Jahrzehnten.

Auch 2026 bleibt die Sonnenaktivität auf hohem Niveau. Obwohl der absolute Höhepunkt überschritten ist, befinden wir uns auf einem sogenannten Hochplateau. Experten rechnen mit Sonnenfleckenzahlen über 120, und einzelne starke Flares der X-Klasse sind weiterhin wahrscheinlich. Historisch gesehen treten einige der heftigsten geomagnetischen Stürme sogar in den ersten Jahren nach dem solaren Maximum auf.

Eigenschaft Prognose (2020) Tatsächlicher Wert
Erwartetes Maximum ca. 115 Sonnenflecken ca. 161 Sonnenflecken
Zeitpunkt des Maximums Juli 2025 Oktober 2024
Stärke im Vergleich zu Zyklus 24 Ähnlich schwach 31 % mehr Sonnenflecken
Aktivität 2026 Deutlicher Rückgang Hochplateau über 120
Polarlichter in Deutschland Seltene Einzelereignisse Mehrmals jährlich

Die grossen Polarlicht-Nächte seit 2024

Die erhöhte Sonnenaktivität hat Deutschland seit 2024 mehrere aussergewöhnliche Polarlicht-Nächte beschert. Hier sind die wichtigsten Ereignisse.

10./11. Mai 2024: Die Nacht, die alles veränderte. Die Sonnenfleckengruppe AR 3664, eine der grössten seit Jahren, feuerte mehrere X-Klasse-Flares und koronale Massenauswürfe in Richtung Erde. Der resultierende geomagnetische Sturm wurde von der NOAA als erster "extremer" Sturm (G5) seit 2003 eingestuft. Polarlichter waren bis weit nach Süddeutschland sichtbar, sogar in München und am Alpenrand leuchtete der Himmel in Grün, Rot und Violett. In den sozialen Medien gingen Tausende Fotos viral. Gleichzeitig verursachte der Sturm Störungen bei Navigationssatelliten und Flugrouten mussten angepasst werden.

10./11. Oktober 2024: Nur fünf Monate später das nächste Highlight. Ein X1.8-Flare löste erneut einen starken geomagnetischen Sturm aus. In der gesamten Nordhälfte Deutschlands waren Polarlichter mit blossem Auge sichtbar, allerdings verhinderten Wolken in Süddeutschland vielerorts die Beobachtung.

12. November 2025: Ein X5.1-Röntgenflare gehörte zu den stärksten Eruptionen des gesamten Zyklus. In der folgenden Nacht leuchteten Polarlichter über Brandenburg, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Teilen von Bayern und Baden-Württemberg. Der geomagnetische Sturm erreichte zeitweise die zweithöchste Stufe G4.

Der Sonnenzyklus 25 erreichte im Oktober 2024 rund 161 Sonnenflecken und übertraf die Prognose um 40 Prozent
Der Sonnenzyklus 25 erreichte im Oktober 2024 rund 161 Sonnenflecken und übertraf die Prognose um 40 Prozent

11. Dezember 2025: Ein G2-Sturm brachte schwächere, aber dennoch fotografisch erfassbare Polarlichter nach Norddeutschland, vor allem nach Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

10./11. Januar 2026: Das erste grosse Polarlicht-Ereignis des neuen Jahres. In Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Franken dokumentierten Beobachter lebhafte Polarlichter. Die Aurora war bis in die Voralpenregion sichtbar.

Diese Häufung ist historisch ungewöhnlich. In normalen Zyklusjahren rechnet man in Deutschland mit vielleicht einer Sichtung alle paar Jahre. Seit dem Beginn der Hochphase von Zyklus 25 gab es dagegen mehrere Ereignisse pro Jahr.

Wo du in Deutschland die besten Chancen hast

Nicht jeder Ort in Deutschland eignet sich gleich gut für die Polarlichtbeobachtung. Drei Faktoren entscheiden über Erfolg oder Misserfolg: die geografische Breite, die Lichtverschmutzung und die Wolkenbedeckung.

Geografische Breite: Je weiter nördlich du dich befindest, desto häufiger erreichst du Polarlichter. In Norddeutschland genügt ein Kp-Index von 5 bis 6, um Polarlichter am Horizont zu sehen. Für Süddeutschland brauchst du mindestens Kp 7 bis 8. Jede Erhöhung des Kp-Index um eine Stufe verschiebt die Aurora im Schnitt um etwa 2 Breitengrade (rund 222 Kilometer) Richtung Süden.

Lichtverschmutzung: Je dunkler dein Standort, desto besser. Grossstädte wie Hamburg, Berlin oder München sind wegen des Streulichts wenig geeignet. Suche dir einen Standort abseits der Siedlungen mit freier Sicht nach Norden.

Wolkenbedeckung: Selbst der stärkste geomagnetische Sturm nützt nichts, wenn der Himmel wolkenverhangen ist. Prüfe vorher die Wettervorhersage und weiche gegebenenfalls zu einem Standort mit besserem Wetter aus.

Top-Standorte in Deutschland:

Die Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern gilt als Spitzenreiter unter den deutschen Polarlicht-Standorten. Mit einer durchschnittlichen Wolkenbedeckung von nur 62 Prozent und einer nördlichen Lage bietet sie ideale Bedingungen. Die Nordfriesischen Inseln Pellworm und Spiekeroog sind von der International Dark Sky Association als "Dark Skies" zertifiziert und gehören zu rund 100 Orten weltweit mit besonders dunklem Nachthimmel. Auch die Insel Helgoland bietet durch ihre abgelegene Lage auf offener See hervorragende Bedingungen. Weiter im Landesinneren sind der Harz und die Eifel (Nationalpark) empfehlenswert, da beide Regionen über Sternenparks mit geringer Lichtverschmutzung verfügen.

Bester Beobachtungszeitraum: Die Monate Februar bis April und September bis Oktober bieten die besten Chancen. In diesen Zeiträumen stehen die Nächte lang genug, und die sogenannten Russell-McPherron-Effekte an den Tagundnachtgleichen verstärken die Kopplung zwischen Sonnenwind und Erdmagnetfeld. Die optimale Beobachtungszeit liegt zwischen 22 Uhr und 2 Uhr nachts.

Polarlichter fotografieren: Einstellungen und Ausrüstung

Polarlichter in Deutschland sind oft schwächer als in Skandinavien. Manchmal erkennt das blosse Auge nur ein diffuses Glühen, während die Kamera bereits lebhafte Farben einfängt. Genau deshalb lohnt sich das Fotografieren besonders. Mit den richtigen Einstellungen gelingen auch in mittleren Breiten beeindruckende Aufnahmen.

Kamera und Objektiv: Du brauchst eine Kamera mit manuellem Modus (M). Ideal sind Systemkameras oder DSLRs mit einem lichtstarken Weitwinkelobjektiv. Eine Blendenöffnung von f/2.8 oder grösser (kleinere Zahl) ist empfehlenswert, damit der Sensor in kurzer Zeit genug Licht einfangen kann. Smartphones der neuesten Generation mit Nachtmodus liefern ebenfalls brauchbare Ergebnisse, aber eine dedizierte Kamera bietet deutlich mehr Kontrolle.

Die wichtigsten Einstellungen:

Schalte alle Automatiken aus und stelle den manuellen Modus ein. Beginne mit ISO 1600 und passe den Wert je nach Helligkeit der Aurora zwischen 800 und 3200 an. Mehr als ISO 6400 solltest du vermeiden, da sonst das Bildrauschen überhand nimmt. Starte mit einer Belichtungszeit von 8 bis 15 Sekunden. Bei sehr aktiven Polarlichtern verkürze auf 2 bis 5 Sekunden, damit die Strukturen nicht verwischen. Öffne die Blende so weit wie möglich und stelle den Fokus manuell auf unendlich. Am besten nutzt du den Live-View-Modus und fokussierst auf einen hellen Stern.

Zusätzliche Tipps: Verwende unbedingt ein Stativ, denn Langzeitbelichtungen aus der Hand werden grundsätzlich verwackelt. Ein Fernauslöser oder der Selbstauslöser der Kamera verhindert Erschütterungen beim Drücken des Auslösers. Fotografiere im RAW-Format, damit du in der Nachbearbeitung mehr Spielraum bei Farben und Belichtung hast. Und nimm Ersatzakkus mit, denn Kälte reduziert die Akkulaufzeit drastisch.

So bleibst du auf dem Laufenden: Polarlicht-Vorhersage

Du musst nicht jede Nacht zum Himmel schauen. Es gibt zuverlässige Werkzeuge, die dich rechtzeitig warnen. Der Kp-Index ist die wichtigste Kenngrösse. Er misst die geomagnetische Aktivität auf einer Skala von 0 (ruhig) bis 9 (extremer Sturm). Für Deutschland gelten folgende Richtwerte:

Region Mindest-Kp für schwache Aurora Mindest-Kp für deutliche Sichtung
Schleswig-Holstein, Küste 5 6
Norddeutsche Tiefebene 6 7
Mitteldeutschland 7 8
Süddeutschland, Alpenvorland 8 9

Die NOAA veröffentlicht regelmässig 30-Minuten- und 3-Tage-Vorhersagen des Kp-Index. Deutsche Seiten wie polarlicht-vorhersage.de und sonnen-sturm.info bieten aufbereitete Prognosen speziell für den deutschsprachigen Raum. Viele dieser Dienste bieten Push-Benachrichtigungen oder E-Mail-Alerts an, sodass du informiert wirst, sobald ein geomagnetischer Sturm erwartet wird.

Auch Apps wie "Aurora Alerts" oder "My Aurora Forecast" zeigen dir in Echtzeit den aktuellen Kp-Index und die Wahrscheinlichkeit einer Sichtung an deinem Standort. Ein Blick auf die Wolkenvorhersage von Diensten wie dem Deutschen Wetterdienst ergänzt die Planung perfekt.

Wie lange hält die Polarlicht-Saison noch an?

Die gute Nachricht: Auch wenn der absolute Höhepunkt des Sonnenzyklus 25 bereits hinter uns liegt, bleibt die Sonnenaktivität in den kommenden ein bis zwei Jahren auf einem Niveau, das Polarlichter in Deutschland weiterhin ermöglicht. Historisch gesehen treten einige der stärksten Einzelereignisse sogar in der Abstiegsphase eines Zyklus auf. Erst ab etwa 2028 bis 2029 dürfte die Aktivität so weit zurückgehen, dass Polarlichter über Deutschland wieder zur echten Seltenheit werden.

Wer die Aurora in Deutschland erleben möchte, hat also in den kommenden Monaten noch beste Gelegenheit. Die Kombination aus hoher Sonnenaktivität, langen Frühlingsnächten und den geomagnetisch günstigen Tagundnachtgleichen im März und September macht 2026 zu einem der besten Jahre überhaupt, um ohne Flugreise nach Norden ein Polarlicht mit eigenen Augen zu sehen.

Weiterführende Links

NOAA Space Weather Prediction Centerswpc.noaa.gov →Aurora Tutorial
Polarlicht-Vorhersage für Deutschlandpolarlicht-vorhersage.de →
Sonnen-Sturm.infosonnen-sturm.info →Aktueller Sonnenzyklus und Prognose
Max-Planck-Gesellschaftmpg.de →Wie Sonnenstürme und Polarlichter zusammenhängen
DLRdlr.de →Polarlichter in Norddeutschland
NASAnasa.gov →Solar Cycle 25