Wenn die Temperaturen über 30 Grad klettern, sind abends bei vielen Menschen die Knöchel dick und die Schuhe enger als morgens. Das liegt an einem direkten Effekt der Wärme auf deine Venen: Sie weiten sich, werden durchlässiger, und Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus. Was dabei verblüfft: Geschwollene Beine im Sommer sind meist harmlos, aber sie machen sichtbar, wie verbreitet schwache Venen tatsächlich sind. Laut der Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie haben nur 9,6 Prozent der Erwachsenen völlig unauffällige Venen, über 90 Prozent zeigen also schon irgendeine Veränderung. Dieser Artikel erklärt den Mechanismus dahinter, wer besonders betroffen ist, was schnell hilft und woran du eine gefährliche Schwellung erkennst.

Warum die Wärme deine Venen weitet

Der Körper hat bei Hitze nur ein Ziel: überschüssige Wärme loswerden, um die Kerntemperatur stabil zu halten. Dazu stellt er die Blutgefäße weit, vor allem nah an der Hautoberfläche. Diese Weitstellung heißt Vasodilatation. Mehr Blut fließt in die oberflächlichen Gefäße, gibt dort Wärme an die Umgebung ab und kühlt dich so von innen. Derselbe Mechanismus steckt hinter der Hautrötung, die viele bei Anstrengung in der Sonne bekommen. Eng verbunden ist das mit dem Schwitzen, dem zweiten großen Kühlsystem deines Körpers. Mehr dazu, warum wir überhaupt schwitzen.

Das Problem an der Sache: In den geweiteten Venen sinkt der Druck, die Wände verlieren an Spannung, und die Gefäße werden durchlässiger. Flüssigkeit, die normalerweise im Blut bleibt, tritt durch die Gefäßwand ins umliegende Gewebe aus. Genau das ist ein Ödem. Laut der Uniklinik Münster (UKM) wird dabei auch das Lymphsystem überlastet, über das ohnehin rund zehn Prozent der Flüssigkeit zum Herzen zurücktransportiert werden. Schafft das Lymphsystem den Rückstau nicht mehr, sammelt sich Wasser in Knöcheln und Füßen.

Dazu kommt die Schwerkraft. Im Stehen und Sitzen lastet der hydrostatische Druck der Blutsäule auf den Beinvenen, und gegen diesen Druck muss das Blut nach oben gepumpt werden. Bei Hitze, wenn die Venen ohnehin weit und schlapp sind, versackt das Blut leichter unten. So-what: Genau deshalb sind die Beine morgens nach dem Liegen schlank und schwellen über den Tag an. Nachts trägst du den Effekt im Liegen wieder zurück.

Wer besonders betroffen ist

Nicht jeder reagiert gleich stark. Wie ausgeprägt die Schwellung wird, hängt davon ab, wie fit deine Venen und deine Wadenmuskulatur sind. Die Wadenmuskeln wirken wie eine Pumpe: Bei jedem Schritt drücken sie die Venen zusammen und befördern das Blut nach oben. Wer lange sitzt oder steht, schaltet diese Muskelpumpe aus, und das Blut bleibt liegen.

42 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer leiden laut Bonner Venenstudie unter geschwollenen Beinen
42 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer leiden laut Bonner Venenstudie unter geschwollenen Beinen

Die Bonner Venenstudie untersuchte 3.072 Menschen zwischen 18 und 79 Jahren. 42 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer gaben an, unter geschwollenen Beinen zu leiden. Krampfadern fanden sich bei 14,3 Prozent, ein prätibiales Ödem, also eine Schwellung vor dem Schienbein, bei 13,4 Prozent. Diese Zahlen erklären, warum so viele Menschen bei Hitze dicke Beine bekommen: Die Venen sind oft schon vorbelastet, die Wärme macht es nur sichtbar.

Risikofaktor Warum es die Schwellung verstärkt
Langes Stehen oder Sitzen Wadenpumpe inaktiv, Blut versackt
Übergewicht Höherer Druck auf die Beinvenen
Schwangerschaft Mehr Blutvolumen, weichere Gefäßwände, Druck der Gebärmutter
Venenschwäche, Krampfadern Klappen schließen schlecht, Rückstau
Höheres Alter Bindegewebe und Gefäßwände verlieren Spannung
Manche Blutdruckmittel Calciumantagonisten können Ödeme begünstigen

Wichtig bei dem letzten Punkt: Bestimmte Medikamente, vor allem Calciumantagonisten gegen Bluthochdruck, fördern Wassereinlagerungen in den Beinen. Setze deswegen nie eigenmächtig etwas ab, sondern sprich mit der Ärztin oder dem Arzt. Auch andere Wirkstoffe verändern bei Hitze ihre Wirkung. Welche Medikamente bei Hitze gefährlich werden können, ist ein eigenes Thema.

Was wirklich gegen dicke Beine hilft

Gegen die harmlose Hitze-Schwellung kannst du an mehreren Stellen ansetzen, und das meiste kostet nichts. Der wirksamste Hebel ist die Schwerkraft: Lege die Beine mehrmals täglich über Herzhöhe hoch, etwa auf eine Sofalehne oder ein Kissen. Schon nach 15 bis 20 Minuten fließt ein Teil der Flüssigkeit zurück.

Maßnahme Wie sie wirkt
Beine über Herzhöhe hochlegen Schwerkraft hilft beim Rückfluss
Bewegung, Spazieren, Schwimmen Aktiviert die Wadenpumpe
Kaltes Wasser, Wechselduschen Venen ziehen sich zusammen, Gefäße werden trainiert
Ausreichend trinken (2 bis 3 Liter) Hält den Kreislauf in Gang
Weniger Salz Salz bindet Wasser im Gewebe
Kompressionsstrümpfe Drücken die Venen zusammen, stützen den Rückfluss

Kühles Wasser ist der schnellste Trick. Lässt du kaltes Wasser über die Unterschenkel laufen oder machst Wechselduschen, ziehen sich die geweiteten Venen wieder zusammen. Wechselduschen wirken über die Zeit sogar wie ein leichtes Training für die Gefäßwände. Bewegung schlägt langes Sitzen: Ein paar Minuten gehen, im Sitzen die Füße kreisen oder auf die Zehenspitzen wippen, das setzt die Wadenpumpe in Gang.

Beine über Herzhöhe hochlegen senkt die Schwellung schon nach 15 bis 20 Minuten spürbar
Beine über Herzhöhe hochlegen senkt die Schwellung schon nach 15 bis 20 Minuten spürbar

Trinken klingt widersprüchlich, hilft aber: Wer zu wenig trinkt, dickt das Blut ein und belastet den Kreislauf zusätzlich. Beim Salz lohnt der Blick auf Fertigprodukte, denn Salz bindet Wasser im Gewebe. Kompressionsstrümpfe sind kein Modeverlust, sondern das wirksamste Hilfsmittel bei echter Venenschwäche und in der Schwangerschaft. Sie drücken die Venen von außen zusammen, sodass die Klappen wieder besser schließen.

Wann die Schwellung ein Warnzeichen ist

Hier liegt die wichtigste Unterscheidung des ganzen Themas. Die harmlose Hitze-Schwellung ist immer beidseitig, schmerzlos und bildet sich über Nacht zurück. Gefährlich wird es, wenn nur ein Bein betroffen ist und Schmerz dazukommt. Das kann eine tiefe Beinvenenthrombose sein, also ein Blutgerinnsel, das eine Vene verstopft.

Laut Internisten-im-Netz, dem Patientenportal des Berufsverbands Deutscher Internisten, zeigt sich eine Thrombose typischerweise durch anhaltende, untypische Schmerzen meist in der Wade, eine einseitige Schwellung, eine bläuliche Verfärbung und ein Spannungs- oder Schweregefühl. Heikel daran: Die klassischen klinischen Zeichen sind nur bei etwa 50 Prozent der Thrombosen vorhanden. Im Zweifel gilt also: lieber einmal zu viel abklären. So-what: Eine unbehandelte Thrombose kann zur Lungenembolie führen, und die ist lebensgefährlich.

Eine zweite Spur führt zu Herz und Nieren. Schwellen beide Beine plötzlich und stark an, zusammen mit Atemnot oder einer raschen Gewichtszunahme, kann eine Rechtsherzinsuffizienz dahinterstecken. Laut Deutscher Herzstiftung staut sich dabei Blut in den Körpervenen zurück, sodass sich beidseitig Ödeme an Füßen und Beinen bilden. Eine Gewichtszunahme von mehr als zwei Kilogramm pro Woche ist ein Alarmsignal. Verwechsle dieses akute Geschehen nicht mit der langsamen Tagesschwellung an einem heißen Tag.

Merkmal Harmlose Hitze-Schwellung Warnzeichen (Arzt aufsuchen)
Seite Beide Beine gleich Oft nur ein Bein
Schmerz Keiner Wade schmerzt, spannt
Haut Normal warm Gerötet, überwärmt oder bläulich
Verlauf Bildet sich nachts zurück Bleibt, nimmt zu
Begleitsymptome Keine Atemnot, schnelle Gewichtszunahme
Mögliche Ursache Vasodilatation Thrombose, Herz, Niere

Bei Hitze kommen oft mehrere Beschwerden zusammen, vom Kreislauf bis zu Kopfschmerzen. Wie du die ernsten Notfälle einordnest, zeigt der Unterschied zwischen Sonnenstich und Hitzschlag.

Worauf du achten solltest: Solange beide Beine gleichmäßig anschwellen, abends dick und morgens schlank sind und nicht wehtun, reichen Hochlegen, Bewegung und kühles Wasser. Tritt die Schwellung dagegen plötzlich, einseitig, schmerzhaft oder mit geröteter, überwärmter Haut auf, geh am selben Tag zum Arzt oder in die Notaufnahme. Das gilt auch bei beidseitiger Schwellung mit Atemnot oder rascher Gewichtszunahme. Lieber einmal zu oft fragen, als ein Gerinnsel oder eine Herzschwäche zu übersehen.

Weiterführende Links

Uniklinik MünsterHitze macht den Venen zu schaffenukm.de
Internisten im NetzErste Anzeichen einer Venenthromboseinternisten-im-netz.de
Deutsche HerzstiftungRechtsherzinsuffizienzherzstiftung.de