Zwischen 25 und 54 Prozent aller Menschen knacken regelmäßig mit ihren Gelenken, meist mit den Fingern. Das Geräusch klingt manchmal beunruhigend, ist aber in den meisten Fällen harmlos. Trotzdem ranken sich hartnäckige Mythen um das Thema, allen voran die Warnung, dass Fingerknacken Arthrose verursacht. Was wirklich hinter dem Knacken steckt, welche Gelenke besonders betroffen sind und ab wann du doch besser zum Arzt gehst, erfährst du hier.
Was beim Knacken im Gelenk passiert
Deine Gelenke sind von einer Kapsel umgeben, die mit Synovialflüssigkeit gefüllt ist. Diese zähe Flüssigkeit dient als Schmiermittel und Stoßdämpfer. In ihr sind Gase gelöst, vor allem Stickstoff und Kohlendioxid. Wenn du ein Gelenk überstreckst, daran ziehst oder es schnell bewegst, vergrößert sich der Gelenkspalt. Der Druck in der Kapsel sinkt, und die gelösten Gase bilden schlagartig eine Blase. Diesen Vorgang nennt die Physik Kavitation.
2015 machte ein Forscherteam um Gregory Kawchuk an der University of Alberta den Prozess erstmals in Echtzeit sichtbar. Per MRT filmten sie, wie sich beim Auseinanderziehen eines Fingergelenks eine Gasblase bildet. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachjournal PLOS ONE: Das Knackgeräusch entsteht im Moment der Blasenentstehung, nicht beim Platzen einer bestehenden Blase, wie jahrzehntelang angenommen.
Zwei Jahre später bestätigte eine Ultraschallstudie an der University of California Davis mit 400 untersuchten Gelenken diesen Mechanismus. Die Forscher beobachteten bei jedem hörbaren Knacken einen charakteristischen hellen Blitz auf dem Ultraschallbild, vergleichbar mit einem kleinen Feuerwerk im Gelenk.
Nach dem Knacken dauert es etwa 20 Minuten, bis sich wieder genug Gas in der Gelenkflüssigkeit gelöst hat. In dieser Refraktärzeit lässt sich dasselbe Gelenk nicht erneut knacken.
Nicht jedes Knacken ist Kavitation
Kavitation erklärt das typische laute Knacken beim Fingerziehen. Aber nicht alle Gelenkgeräusche haben dieselbe Ursache. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen Mechanismen:
| Mechanismus | Geräusch | Typische Gelenke | Ursache |
|---|---|---|---|
| Kavitation | Lautes, einzelnes Knacken | Finger, Zehen, Wirbelsäule | Gasblase bildet sich bei Druckabfall in der Gelenkflüssigkeit |
| Sehnen-/Bänderschnappen | Dumpfes Knacken oder Schnappen | Knie, Hüfte, Schulter | Sehne oder Band gleitet über Knochenvorsprung |
| Krepitation | Knirschen, Reiben | Knie, Schulter | Aufgeraute Knorpelflächen reiben aneinander |
| Meniskus-/Gelenklippen-Reibung | Klicken, Fangen | Knie, Hüfte | Gerissene oder eingeklemmte Gelenkstrukturen |
| Vakuumphänomen | Leises Knacken | Wirbelsäule | Schnelle Positionswechsel nach Ruhephasen |
Das Schnappen von Sehnen über Knochenvorsprünge ist besonders häufig am Knie und an der Hüfte. Es entsteht, wenn Muskeln oder Sehnen verkürzt sind oder nach längeren Ruhephasen nicht geschmeidig genug gleiten. Die Spannung baut sich auf, bis die Sehne mit einem hörbaren Geräusch über den Knochen springt. Anders als bei der Kavitation lässt sich dieses Knacken beliebig oft wiederholen.

Krepitation dagegen ist ein reibendes, knirschendes Geräusch. Es tritt auf, wenn Knorpelflächen aufgeraut oder abgenutzt sind und direkt aneinander reiben. Typisch ist das beim Treppensteigen, wenn die Kniescheibe sich in ihrer Rinne am Oberschenkelknochen nicht mehr gleichmäßig bewegt. Krepitation kann harmlos sein, ist aber ein Hinweis darauf, dass der Knorpel bereits Veränderungen zeigt.
Der Arthrose-Mythos und was die Forschung sagt
Kaum ein Gelenk-Mythos hält sich so hartnäckig wie die Warnung: "Hör auf, mit den Fingern zu knacken, das gibt Arthrose!" Die wohl bekannteste Widerlegung lieferte der amerikanische Arzt Donald Unger. 60 Jahre lang knackte er konsequent nur die Fingergelenke seiner linken Hand, mindestens zweimal täglich. Die rechte Hand diente als Kontrolle. Das Ergebnis: keine Arthrose, in keiner der beiden Hände. Für dieses Selbstexperiment erhielt er 2009 den Ig-Nobelpreis für Medizin, eine Auszeichnung für Forschung, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt.
Ungers Einzelfallstudie mag amüsant sein, doch auch größere Untersuchungen kommen zum selben Schluss. Eine Studie aus dem Jahr 1990 mit 300 Teilnehmern fand zwar bei regelmäßigen Fingerknackern eine leicht geringere Griffstärke und häufiger Handschwellungen, aber keinen Zusammenhang mit Arthrose. Spätere Studien konnten selbst die Griffstärke-Ergebnisse nicht bestätigen.
Die Ultraschallstudie von 2017 untersuchte die Gelenke direkt nach dem Knacken und fand keinerlei Hinweise auf Schäden. Stattdessen zeigte sich bei geknackten Gelenken sogar ein leicht vergrößerter Bewegungsumfang.
Zusammengefasst: Es gibt nach aktuellem Stand der Forschung keinen Beleg dafür, dass Fingerknacken Arthrose verursacht. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie sieht schmerzfreies Gelenkknacken als unbedenklich an.
Warum es manche Gelenke häufiger trifft
Nicht jedes Gelenk knackt gleich häufig. Die Fingergrundgelenke sind die klassischen Kandidaten, weil sie sich leicht überstrecken und auseinanderziehen lassen. Aber auch Knie, Schultern, Hüften und die Wirbelsäule melden sich regelmäßig.
Knie: Knacken beim Treppensteigen oder Aufstehen aus der Hocke ist weit verbreitet. Oft liegt es daran, dass Sehnen des Streckapparats über die Kniescheibe gleiten. Eine schwache Oberschenkelmuskulatur kann das begünstigen, weil die Kniescheibe dann weniger stabil in ihrer Rinne geführt wird.
Schulter: Das Schultergelenk hat den größten Bewegungsumfang aller Gelenke und ist von zahlreichen Sehnen und Bändern umgeben. Entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten für Schnapp- und Reibungsgeräusche, besonders beim Heben der Arme über Kopf.
Wirbelsäule: Morgens beim Strecken knackt es oft in Nacken oder Rücken. Nach Stunden in einer Position haben sich Gasblasen in den Facettengelenken gesammelt. Die erste Bewegung löst eine Kavitation aus. Das ist in der Regel harmlos.
Hüfte: Ein hörbares Schnappen an der Hüfte entsteht häufig, wenn das sogenannte Tractus iliotibialis, ein kräftiges Bindegewebsband an der Außenseite des Oberschenkels, über den großen Rollhügel springt. Besonders Läufer und Radfahrer kennen das Phänomen.

Wann du zum Arzt gehen solltest
Schmerzfreies Knacken, das gelegentlich oder auch regelmäßig auftritt, ist in aller Regel unbedenklich. Es gibt aber klare Warnsignale, bei denen du eine ärztliche Abklärung nicht hinauszögern solltest:
- Schmerzen beim oder nach dem Knacken: Wenn das Gelenk nicht nur knackt, sondern dabei wehtut, kann eine Entzündung, ein Knorpelschaden oder eine Sehnenverletzung dahinterstecken.
- Schwellung oder Rötung: Sichtbare Veränderungen am Gelenk deuten auf eine entzündliche Reaktion hin.
- Bewegungseinschränkung: Wenn du das Gelenk nach dem Knacken nicht mehr vollständig bewegen kannst oder es sich blockiert anfühlt, ist das ein Warnsignal.
- Knirschen mit Schmerzen: Krepitation kombiniert mit Schmerzen kann auf Knorpelverschleiß oder frühe Arthrose hindeuten.
- Knacken nach einer Verletzung: Tritt das Geräusch erstmals nach einem Sturz, Umknicken oder einer Überlastung auf, sollte ein Arzt mögliche Strukturschäden ausschließen.
Erste Anlaufstelle ist die orthopädische Praxis. Dort lässt sich per Röntgen, Ultraschall oder MRT klären, ob eine behandlungsbedürftige Ursache vorliegt.
Fazit
Gelenkknacken ist in den allermeisten Fällen ein harmloses physikalisches Phänomen. Beim klassischen Fingerknacken bildet sich eine Gasblase in der Gelenkflüssigkeit, sobald der Druck im Gelenkspalt sinkt. Andere Geräusche entstehen durch Sehnen, die über Knochen gleiten, oder durch aufgeraute Knorpelflächen. Die Sorge, dass Knacken zu Arthrose führt, ist nach aktuellem Forschungsstand unbegründet. Aufmerksam werden solltest du erst, wenn Schmerzen, Schwellungen oder Bewegungseinschränkungen dazukommen. In diesem Fall hilft ein Besuch in der orthopädischen Praxis, die Ursache abzuklären.





