Motten fliegen ins Licht, weil sie ihren Rücken instinktiv zur hellsten Lichtquelle drehen. Dieses Verhalten heißt dorsale Lichtreaktion und dient normalerweise dazu, im Flug zu erkennen, wo oben ist. Bei natürlichem Himmelslicht funktioniert das einwandfrei. Künstliche Lichtquellen in der Nacht bringen den Orientierungsmechanismus jedoch durcheinander: Die Insekten kreisen, steigen steil auf oder stürzen kopfüber ab. Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Studie hat diesen Mechanismus erstmals mit Hochgeschwindigkeitskameras nachgewiesen und damit die jahrzehntelang verbreitete Mondnavigations-Theorie abgelöst.

Die alte Theorie: Mondnavigation

Über hundert Jahre lang lautete die Standarderklärung so: Nachtaktive Insekten orientieren sich am Mond. Sie halten einen konstanten Winkel von etwa 40 Grad zur Lichtquelle ein und fliegen dadurch geradeaus. Das funktioniert, weil der Mond so weit entfernt ist, dass sich der Winkel selbst über Kilometer hinweg kaum verändert. Beim Mondlicht bleibt die Richtung stabil.

Das Problem beginnt, sobald eine Lampe ins Spiel kommt. Eine Straßenlaterne steht nur wenige Meter entfernt. Wenn das Insekt den gleichen Winkel einhalten will, verändert sich dieser nach wenigen Flügelschlägen dramatisch. Die Motte korrigiert permanent nach, dreht sich dabei immer weiter zur Lichtquelle hin und fliegt eine Spirale, die immer enger wird. Am Ende trifft sie auf die Lampe.

Das klingt logisch. Allerdings hatte diese Erklärung ein Problem: Niemand konnte sie jemals experimentell bestätigen. Es gab keine Messdaten, die das spiralförmige Annäherungsmuster systematisch zeigten. Im Gegenteil. Wer Insekten genau beobachtete, sah ganz andere Flugmuster als die vorhergesagte Spirale.

Die Nature-Studie von 2024: Was wirklich passiert

Im Januar 2024 veröffentlichten Samuel Fabian (Imperial College London) und Yash Sondhi (Florida International University) zusammen mit Kollegen eine Studie in Nature Communications, die das Rätsel mit harten Daten löst. Das Team filmte Insekten mit acht Hochgeschwindigkeits-Infrarotkameras und rekonstruierte ihre dreidimensionalen Flugbahnen. Zusätzlich verwendeten sie Stereo-Videografie im Freiland, um das Verhalten unter natürlichen Bedingungen zu dokumentieren.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Insekten steuern nicht auf das Licht zu. Stattdessen drehen sie ihren Rücken (Dorsum) zur hellsten Lichtquelle. Unter freiem Himmel zeigt die Oberseite des Insekts nach oben, zum diffusen Himmelslicht. Dieser Reflex stabilisiert den Flug, er ist das Äquivalent eines künstlichen Horizonts im Cockpit. Bei einer Straßenlaterne oder einer Terrassenlampe kippt das System: Die hellste Quelle steht plötzlich seitlich oder unterhalb des Insekts. Die dorsale Lichtreaktion zwingt das Tier dazu, seinen Rücken permanent zur Lampe zu drehen, mit fatalen Folgen.

Flugmuster Beschreibung Ursache
Orbiting (Kreisen) Stabiler Kreisflug um die Lichtquelle Licht seitlich, Rücken dreht sich dauerhaft zur Lampe
Stalling (Aufsteigen) Steiler Steigflug bis zum Strömungsabriss Licht von unten, Insekt kippt in die Senkrechte
Inversion (Umkippen) Insekt dreht sich auf den Rücken und stürzt Licht direkt von unten, Dorsalreflex dreht Tier um

Diese drei Muster erklären die scheinbar chaotischen Flugbahnen, die man rund um Laternen beobachtet. Die Insekten sind nicht "angezogen" vom Licht. Sie sind gefangen in einer Rückkopplungsschleife ihres eigenen Orientierungssystems.

Die Studie in Nature Communications wies drei typische Flugmuster nach: Kreisen, Aufsteigen und Umkippen
Die Studie in Nature Communications wies drei typische Flugmuster nach: Kreisen, Aufsteigen und Umkippen

Welche Insekten betrifft es und welches Licht zieht sie an

Nicht alle Insekten reagieren gleich stark auf künstliches Licht. Besonders betroffen sind nachtaktive Fluginsekten, darunter Nachtfalter (umgangssprachlich Motten), Köcherfliegen, Eintagsfliegen und viele Käferarten. Rund 50 Prozent der in Deutschland lebenden Insekten sind nachtaktiv. Tagaktive Arten wie Honigbienen oder Hummeln zeigen die dorsale Lichtreaktion zwar auch, fliegen nachts aber nicht.

Entscheidend ist außerdem die Wellenlänge des Lichts. Die meisten nachtaktiven Insekten reagieren besonders empfindlich auf Licht im Bereich von 350 bis 450 Nanometern. Das umfasst das nahe UV-Licht und den blauen Bereich des Spektrums. Nachtfalter zeigen Spitzenwerte bei etwa 365 Nanometern im UV-A-Bereich. Rotes und gelbes Licht (580 bis 700 Nanometer) nehmen viele Insekten dagegen kaum wahr.

Daraus folgt: Nicht jede Lampe ist gleich problematisch. Quecksilberdampflampen und kaltweißes LED-Licht mit hohem Blauanteil locken massiv Insekten an. Warmweiße LEDs mit einer Farbtemperatur unter 3.000 Kelvin ziehen hingegen bis zu 80 Prozent weniger Insekten an als kaltweiße Leuchtmittel. Der UV-Anteil macht den Unterschied.

Lichtverschmutzung und Insektensterben in Deutschland

Das Problem geht weit über eine einzelne Motte an der Terrassenlampe hinaus. In Deutschland gibt es rund neun Millionen Straßenlaternen. Wissenschaftler schätzen, dass allein zwischen Juli und September bis zu 100 Milliarden Insekten an diesen Laternen sterben. Dabei sind Werbebeleuchtung, Fassadenanstrahlung, Flutlichtanlagen und private Gartenbeleuchtung noch nicht eingerechnet.

Die betroffenen Insekten kreisen bis zur Erschöpfung, verbrennen an heißen Leuchtmitteln oder werden zur leichten Beute für Fledermäuse und Spinnen, die das Licht als Jagdrevier nutzen. In den letzten 30 Jahren hat sich der Lichteintrag in ökologisch wertvolle Gebiete in Deutschland verdoppelt. Der jährliche Zuwachs an Lichtverschmutzung liegt bei etwa sechs Prozent.

Die Insektenbiomasse in Deutschland ist seit 1990 um rund 76 Prozent zurückgegangen. Das zeigte die Krefelder Studie von 2017, die an 63 Standorten im Westen Deutschlands Insekten über 27 Jahre hinweg mit standardisierten Malaise-Fallen fing und wog. Lichtverschmutzung ist dabei nur einer von mehreren Faktoren neben Pestizideinsatz, Flächenversiegelung und dem Verlust naturnaher Lebensräume. Doch die dorsale Lichtreaktion zeigt, warum Kunstlicht für fliegende Insekten besonders tückisch ist: Es greift direkt in den grundlegendsten Orientierungsmechanismus ein.

Insektenfreundliche Beleuchtung: Was du tun kannst

Licht komplett abzuschalten ist weder realistisch noch nötig. Aber mit wenigen Maßnahmen lässt sich die Lockwirkung drastisch reduzieren.

Warmweiße LEDs verwenden. Leuchtmittel mit einer Farbtemperatur unter 3.000 Kelvin und geringem UV-Anteil sind die wirksamste Einzelmaßnahme. Sie ziehen deutlich weniger Insekten an als kaltweißes oder bläuliches Licht.

Leuchten abschirmen. Lampen, die ihr Licht ausschließlich nach unten abstrahlen (sogenannte Full-Cutoff-Leuchten), reduzieren die Fernwirkung erheblich. Licht, das nach oben oder zur Seite strahlt, lockt Insekten aus größerer Entfernung an.

Nur dort beleuchten, wo es nötig ist. Bewegungsmelder und Zeitschaltuhren sorgen dafür, dass Licht nur brennt, wenn es gebraucht wird. Jede Stunde weniger Beleuchtung zählt.

Abstand halten. Wenn du abends auf der Terrasse sitzt, platziere die Lichtquelle 5 bis 7 Meter entfernt. Das reduziert die Insektenbelästigung am Sitzplatz um bis zu 70 Prozent, ohne auf Beleuchtung zu verzichten.

Maßnahme Wirkung
Warmweiße LEDs (unter 3.000 K) Bis zu 80 % weniger Insekten als kaltweiß
Full-Cutoff-Leuchten Kein Streulicht nach oben und zur Seite
Bewegungsmelder / Zeitschaltuhr Beleuchtungsdauer minimieren
Lichtquelle 5–7 m vom Sitzplatz Bis zu 70 % weniger Insekten am Aufenthaltsort
Gelbe oder orangefarbene LEDs Wellenlänge außerhalb des Insekten-Empfindlichkeitsbereichs
Warmweiße LEDs unter 3.000 Kelvin ziehen bis zu 80 Prozent weniger Insekten an als kaltweißes Licht
Warmweiße LEDs unter 3.000 Kelvin ziehen bis zu 80 Prozent weniger Insekten an als kaltweißes Licht

Fazit

Motten fliegen nicht ins Licht, weil sie davon angezogen werden. Sie geraten in eine Falle ihres eigenen Orientierungssystems. Die dorsale Lichtreaktion, ein uralter Reflex zur Flugstabilisierung, wird durch künstliche Lichtquellen in der Nacht fehlgeleitet. Statt geradeaus zu fliegen, kreisen die Tiere, steigen steil auf oder stürzen kopfüber ab. Die Konsequenzen sind enorm: Milliarden Insekten sterben jedes Jahr an Deutschlands Straßenlaternen. Warmweiße, abgeschirmte Beleuchtung mit geringem UV-Anteil ist der wirksamste Beitrag, den du als Einzelperson leisten kannst.

Weiterführende Links

Why flying insects gather at artificial light - Nature Communicationsnature.com →
Insektensterben in Deutschland - Bundesinformationszentrum Landwirtschaftlandwirtschaft.de →
Ökologische Stadtbeleuchtung - NABUnabu.de →