Du hast vielleicht davon gehört oder es in deinem TikTok-Feed gesehen: Hunderte, manchmal sogar tausende junge Menschen versammeln sich in öffentlichen Parks, bewaffnet mit einer Packung Pudding und einer Gabel. Kein Löffel weit und breit. Auf ein Startsignal hin wird gleichzeitig losgegessen, das Ganze gefilmt und ins Netz gestellt. Was nach einem absurden Witz klingt, hat sich zu einem der faszinierendsten Sozialphänomene der letzten Jahre entwickelt. Der Trend heisst "Pudding mit Gabel" und er verrät mehr über die Generation Z, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Was genau ist der "Pudding mit Gabel"-Trend?
Im Kern ist es denkbar einfach: Jemand postet auf Social Media einen Ort und eine Uhrzeit. Wer teilnehmen will, bringt eine Packung Pudding und eine Gabel mit. Zur verabredeten Zeit versammeln sich alle an dem genannten Platz, meist eine Parkwiese oder ein öffentlicher Platz. Dann wird von zehn heruntergezählt, und alle beginnen gleichzeitig, ihren Pudding mit der Gabel zu essen. Manche klopfen vorher rhythmisch auf ihre Puddingdeckel, was eine eigene Art von kollektivem Ritual erzeugt.
Das "falsche" Besteck ist kein Versehen, sondern der ganze Punkt. Die Gabel macht das Essen von Pudding unpraktisch, langsam und irgendwie komisch. Genau darin liegt der Reiz: Es geht nicht um Effizienz, nicht um den Pudding selbst, sondern um die geteilte Erfahrung, gemeinsam etwas Sinnloses zu tun. Der Pudding ist das Medium. Die Gabel ist die Botschaft.
Wie alles in Karlsruhe begann
Die Geschichte des Trends beginnt im August 2025 in Karlsruhe. In der Innenstadt der südwestdeutschen Stadt tauchten anonyme Flyer auf mit der Einladung: "Kommt zu unserem Wir-essen-Pudding-mit-einer-Gabel-Treffen." Wer genau hinter den Flyern steckte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Was jedoch bekannt ist: Die Instagram-Seite "karlsruher.memes" mit damals knapp 84.000 Followern griff die Idee auf und postete darüber. Mehran Nadimi, einer der Betreiber des Accounts, erklärte damals: "Wir fanden die Idee so charmant und lustig und dachten uns: Komm, wir posten mal etwas darüber."
Das erste offizielle Treffen fand am 28. August 2025 statt. Erwartet wurden vielleicht ein paar Dutzend Neugierige. Tatsächlich kamen zwischen 150 und 200 Menschen. Die Bilder und Videos davon verbreiteten sich rasant auf TikTok und Instagram. Innerhalb weniger Wochen organisierten sich ähnliche Treffen in Berlin, Hamburg, Hannover, München, Stuttgart, Dresden, Bonn und zahlreichen kleineren Städten wie Stendal, Gelnhausen und Magdeburg.
Die Zahlen stiegen schnell an. In Hannover kamen am 28. September 2025 mehr als 1.000 Menschen zusammen. Am selben Tag versammelten sich in Wien ebenfalls rund 1.000 Teilnehmer im Burggarten. In Berlin schätzte die Presse die Teilnehmerzahl im James-Simon-Park auf über 1.000 Personen. Was als lokaler Gag in Karlsruhe begann, war innerhalb eines Monats zu einem landesweiten, dann internationalen Phänomen geworden.
Die internationale Ausbreitung
Der Trend blieb nicht im deutschsprachigen Raum. Über TikTok, wo einzelne Videos Millionen von Aufrufen erzielten, sprang er auf andere Länder über. In der folgenden Tabelle siehst du, wie sich die Treffen geografisch entwickelt haben:
| Zeitraum | Region | Beispielstädte | Geschätzte Teilnehmerzahlen |
|---|---|---|---|
| August 2025 | Karlsruhe (Ursprung) | Karlsruhe | 150 bis 200 |
| September 2025 | Ganz Deutschland | Berlin, Hamburg, Hannover, München, Stuttgart, Dresden | Jeweils 200 bis über 1.000 |
| September/Oktober 2025 | Österreich und Schweiz | Wien, Salzburg, Bregenz, Zürich | Bis zu 1.000 pro Treffen |
| Oktober/November 2025 | International | Seattle, Boston, New York, London, Helsinki | Hunderte bis Tausende |
| 2026 | Weltweit sporadisch | Diverse Städte in Europa und den USA | Variierend |
Besonders bemerkenswert war die Ankündigung eines Treffens im New Yorker Central Park im Oktober 2025, die auf TikTok viral ging. Auch in Seattle (Cal Anderson Park) und an der Northeastern University in Boston fanden Treffen statt. In Finnland, Portugal und England wurden ebenfalls Events organisiert. Der Trend bewies damit, dass er keine rein deutsche Angelegenheit war, sondern ein universelles Bedürfnis ansprach.

Warum die Generation Z Pudding mit der Gabel isst
Hinter dem augenscheinlich albernen Trend steckt ein ernstes Thema: Einsamkeit. Verschiedene Studien zeichnen ein alarmierendes Bild. Das Einsamkeitsbarometer 2025 des Bundesfamilienministeriums zeigt, dass Einsamkeit im jungen und mittleren Erwachsenenalter deutlich zugenommen hat. Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung erleben mehr als 80 Prozent der 18- bis 24-Jährigen zumindest gelegentlich Einsamkeit. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergab, dass rund 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen sich moderat bis stark einsam fühlen. Eine Parship-Studie stellte fest, dass jeder dritte Angehörige der Gen Z sozial isoliert ist.
Diese Zahlen haben reale Auswirkungen. Wer einsam ist, hat ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen, geringeres Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen und eine niedrigere Lebenszufriedenheit. Die Bertelsmann Stiftung warnte sogar, dass die Einsamkeit junger Menschen eine Gefahr für die Demokratie darstellen könne.
In diesem Kontext wird verständlich, warum ein Trend wie "Pudding mit Gabel" solche Resonanz erzeugt. Er bietet genau das, was vielen jungen Menschen fehlt: einen niedrigschwelligen, kostengünstigen und unverbindlichen Anlass, sich mit anderen zu treffen. Du brauchst keine Eintrittskarte, keine Reservierung, kein besonderes Talent und keine Gruppenvergangenheit. Du brauchst nur einen Pudding und eine Gabel. Die Absurdität der Aktion senkt die Hemmschwelle weiter. Niemand muss "cool" sein, niemand muss etwas leisten. Alle machen sich gemeinsam ein bisschen lächerlich, und genau das verbindet.
Ida, eine Teilnehmerin aus Hannover, brachte es in einem Interview auf den Punkt: Aktivitäten für Jugendliche seien teuer geworden. Das Pudding-Treffen sei eine schöne Freizeitaktivität, die günstig und für alle zugänglich sei. Andere Teilnehmer berichteten, dass das gemeinsame Essen ein Weg sei, mit den schlechten Nachrichten aus der Welt umzugehen. In London erklärte ein Teilnehmer, er habe einfach Kontakt zu anderen gesucht und einen Ort gebraucht, der weder Zuhause noch Arbeitsplatz sei.
Die soziologische Perspektive: Dritte Orte und digitale Rituale
Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg prägte in den 1980er Jahren den Begriff der "Dritten Orte" (Third Places). Damit meinte er informelle Treffpunkte jenseits von Zuhause (erster Ort) und Arbeitsplatz (zweiter Ort): Cafes, Bibliotheken, Gemeindehäuser, Parks. Solche Orte sind entscheidend für soziale Bindung und Gemeinschaftsgefühl. Das Problem: In den letzten Jahrzehnten sind viele dieser Dritten Orte verschwunden oder kommerzialisiert worden. Cafes verlangen hohe Preise, Gemeindehäuser schliessen, öffentliche Räume werden eingeschränkt.
Die "Pudding mit Gabel"-Treffen lassen sich als kreative Antwort auf diesen Verlust lesen. Die Teilnehmer verwandeln öffentliche Parks in temporäre Dritte Orte, und zwar ohne Eintritt, ohne Konsumzwang und ohne formelle Struktur. Die Verabredung über Social Media ersetzt den Aushang am Schwarzen Brett; das geteilte Ritual (Pudding, Gabel, Countdown) ersetzt die Vereinssatzung.
Bemerkenswert ist auch die Rolle der Absurdität. Soziologisch gesehen erfüllt das bewusst Sinnlose eine wichtige Funktion: Es schafft eine gemeinsame Insidererfahrung, die Zugehörigkeit markiert, ohne jemanden auszuschliessen. Du musst nur mitmachen, um dazuzugehören. Der Kulturwissenschaftler und Meme-Forscher würde hier von "participatory culture" sprechen, einer Kultur des Mitmachens, in der Zugehörigkeit durch geteilte Handlung entsteht.
Eine weitere Perspektive: Der Trend ist ein Beispiel für das, was manche Forscher als "Post-Ironie" bezeichnen. Die Teilnehmer wissen, dass das Ganze albern ist. Sie machen es trotzdem. Und gerade weil alle wissen, dass es keinen "Sinn" hat, entsteht ein ehrlicher, druckfreier Raum. In einer Welt, die von Optimierung und Selbstdarstellung geprägt ist, liegt etwas Befreiendes darin, gemeinsam etwas offensichtlich Nutzloses zu tun.
Kritik und Herausforderungen
Nicht alle waren begeistert. Einige Städte meldeten Probleme mit Müll nach den Treffen. Puddingbecher und Plastikgabeln auf Parkwiesen sorgten für Ärger bei Anwohnern und Stadtreinigungen. In mehreren Städten wurden daraufhin Aufrufe gestartet, den eigenen Müll mitzunehmen. Manche Organisatoren integrierten gemeinsames Aufräumen als festen Bestandteil der Veranstaltung.
Auch Marken versuchten, auf den Trend aufzuspringen. Einzelhändler wie Lidl nutzten die Gelegenheit für Marketing-Aktionen. Das führte bei Teilen der Community zu Diskussionen darüber, ob die Kommerzialisierung den ursprünglichen Geist der Aktion untergrabe. Die Stärke des Trends lag gerade in seiner Nicht-Kommerzialität, seiner Do-it-yourself-Mentalität und der Tatsache, dass er niemandem gehörte.
Mehr als ein Trend: Was "Pudding mit Gabel" über unsere Gesellschaft sagt
"Pudding mit Gabel" reiht sich in eine wachsende Liste von Phänomenen ein, bei denen junge Menschen absurde Aktionen nutzen, um echte menschliche Verbindung zu schaffen. Der Trend steht stellvertretend für eine Generation, die digital aufgewachsen ist, aber analoge Nähe vermisst. Die gleichzeitige Präsenz von Smartphones (zum Filmen und Teilen) und physischer Gemeinschaft (das Stehen auf einer Wiese, das gemeinsame Essen) zeigt keinen Widerspruch, sondern eine neue Form von Sozialität: Das Digitale organisiert, das Analoge passiert.
Ob der Trend in seiner ursprünglichen Form bestehen bleibt, ist offen. Wie bei vielen viralen Phänomenen ist ein natürliches Abflachen zu erwarten. Doch die Bedürfnisse, die er sichtbar gemacht hat, verschwinden nicht: das Bedürfnis nach unkomplizierten Begegnungen, nach Räumen ohne Leistungsdruck und nach Gemeinschaft, die nicht an Konsum gebunden ist. Wenn das nächste Mal Hunderte Menschen in einem Park stehen und mit Gabeln in ihrem Pudding stochern, dann geht es eben nicht wirklich um den Pudding. Es geht darum, nicht allein zu sein.





