Einen offiziellen Mittelpunkt Deutschlands gibt es nicht. Stattdessen beanspruchen mindestens sieben Gemeinden in Thüringen, Hessen und Niedersachsen den Titel, und sie liegen bis zu 20 Kilometer auseinander. Das prominenteste Schild steht in Niederdorla in der Gemeinde Vogtei (Thüringen), bei 51 Grad 10 Minuten nördlicher Breite und 10 Grad 27 Minuten östlicher Länge. Direkt nebenan haben Erfurter Studenten 2018 in Mihla einen neueren Mittelpunkt vermessen. In Krebeck in Niedersachsen steht ein weiterer Stein, in Flinsberg auch, dazu kommen Silberhausen, Besse und Landstreit. Welcher Ort der "richtige" ist, hängt davon ab, wie du rechnest. Wir erklären die Methoden und sagen dir, welcher Mittelpunkt für einen Pfingstausflug taugt.

Warum es keinen amtlichen Mittelpunkt gibt

Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) ist die zuständige Bundesbehörde für alles, was mit Landesvermessung zu tun hat. Genau dieses Amt sagt aber: Einen verbindlichen Mittelpunkt Deutschlands legt es nicht fest. Der Grund ist mathematisch. Deutschland ist keine Kreisfläche, sondern hat eine zerklüftete Grenze von rund 3.876 Kilometern Länge plus die Inseln in Nord- und Ostsee. Je nachdem, welche Definition du für "Mittelpunkt" nimmst, kommt ein anderer Punkt heraus.

Drei Methoden sind üblich. Die Vier-Punkt-Methode legt ein Rechteck um Deutschland, gebildet aus dem nördlichsten, südlichsten, westlichsten und östlichsten Grenzpunkt. Wo sich die Diagonalen kreuzen, liegt der Mittelpunkt. Die Schwerpunkt-Methode berechnet den geometrischen Schwerpunkt der gesamten Landfläche, so wie er sich ergäbe, wenn du Deutschland als Pappkarton ausschneidest und auf einer Nadel balancierst. Die dritte Variante ist die Minimal-Abstands-Methode: gesucht ist der Punkt mit der kleinsten maximalen Entfernung zur Staatsgrenze.

Je nach Methode und je nach der Frage, ob man Inseln wie Sylt oder Rügen mitrechnet, verschieben sich die Ergebnisse um bis zu 20 Kilometer. Das klingt nach wenig, sortiert die konkurrierenden Dörfer aber sauber in unterschiedliche Landkreise und sogar Bundesländer.

Die sieben wichtigsten Mittelpunkte im Überblick

Die folgende Tabelle zeigt die bekanntesten beanspruchten Mittelpunkte. Drei davon liegen im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis, was kein Zufall ist: Diese Region rückte mit der Wiedervereinigung 1990 in die geografische Mitte.

Ort Bundesland Koordinaten Methode Jahr
Niederdorla (Vogtei) Thüringen 51°10' N, 10°27' O Vier-Punkt-Methode 1990
Mihla Thüringen 51°02' N, 10°25' O 314.000-Quadrate-Raster 2018
Silberhausen Thüringen 51°16' N, 10°27' O Geometrischer Schwerpunkt 2005
Flinsberg Thüringen 51°09' N, 10°26' O Zweidimensionaler Mittelpunkt 1991
Krebeck Niedersachsen 51°35' N, 10°06' O Schwerpunkt nach Wiedervereinigung 1990
Spangenberg-Besse Hessen 51°10' N, 9°33' O Bevölkerungsschwerpunkt laufend
Landstreit (Mecklar) Hessen 50°55' N, 9°44' O Geografisch (alte Berechnung) vor 1990

Niederdorla ist der bekannteste Punkt, weil die Berechnung direkt nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 von den Geographen Dr. Finger (Dresden) und Dr. Fröge (Göttingen) angestellt wurde. Sie nutzten die offiziellen Grenzkoordinaten der alten Bundesrepublik und der DDR aus den Statistischen Jahrbüchern 1989. Heraus kam ein Punkt im Flurholz bei Niederdorla. Im Februar 1991 wurde dort eine Kaiserlinde gepflanzt, anderthalb Jahre später folgte ein Findling aus hellem Basalt. Bis heute ist die Linde rund zwölf Meter hoch.

Sieben Gemeinden in Thüringen, Hessen und Niedersachsen beanspruchen den Mittelpunkt Deutschlands für sich
Sieben Gemeinden in Thüringen, Hessen und Niedersachsen beanspruchen den Mittelpunkt Deutschlands für sich

Vor 1990: Spangenberg und Belzig waren die Mittelpunkte

Bis zur Wiedervereinigung gab es zwei deutsche Staaten, und jeder hatte seinen eigenen Mittelpunkt. Für die alte Bundesrepublik wurde 1978 die Basaltformation Butterweck in der Gemeinde Rennerod im Westerwald (Rheinland-Pfalz) berechnet. Später kam Herbstein im hessischen Vogelsbergkreis hinzu. Spangenberg im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis wird oft als BRD-Mittelpunkt genannt, ist aber technisch der Bevölkerungsschwerpunkt, also der Ort, von dem aus alle Einwohner Deutschlands im Schnitt am kürzesten unterwegs wären. Dieser Punkt hat sich seit 1990 nur leicht verschoben und liegt auf einer Wiese bei Besse, einem Ortsteil von Spangenberg.

Die DDR hatte ihr eigenes Zentrum bei Belzig im damaligen Bezirk Potsdam, zwischen den Orten Verlorenwasser und Weitzgrund im Fläming. Mit dem 3. Oktober 1990 hatten beide Punkte ihre Funktion verloren, und Niederdorla wurde innerhalb weniger Wochen zum neuen Symbol der vereinten Republik. Der Niederdorlaer Mittelpunkt liegt rund 90 Kilometer östlich von Spangenberg, was die Verschiebung durch die Wiedervereinigung gut sichtbar macht: Deutschland war über Nacht 108.000 Quadratkilometer größer geworden.

In Krebeck im niedersächsischen Landkreis Göttingen liefen kurz darauf parallele Berechnungen. Die Landesbausparkasse Münster hatte im August 1990 einen Wettbewerb ausgeschrieben, das Deutsche Geodätische Forschungsinstitut München lieferte das Ergebnis: 51 Grad 35 Minuten 26 Sekunden Nord, 10 Grad 06 Minuten 22 Sekunden Ost, im Waldgebiet Struth. Auch hier steht ein Stein.

Mihla, der digitale Nachzügler

2018 hat die Diskussion eine neue Wendung genommen. Drei Studenten der Fachhochschule Erfurt fütterten die rund 68.000 offiziellen Koordinaten der deutschen Außengrenze in eine Software und legten ein Raster aus 314.000 Quadraten über das Bundesgebiet. Sie suchten das Quadrat, das in alle Richtungen den ausgeglichensten Abstand zur Grenze hat. Heraus kam ein Punkt auf der Gemarkung Mihla, knapp 15 Kilometer südlich von Niederdorla, ebenfalls im Unstrut-Hainich-Kreis. Die Berechnung war genauer als die von 1990, weil sie mit der heutigen Computertechnik die gesamte Grenzlinie berücksichtigt, nicht nur die vier Extrempunkte.

Mihla hat sich seitdem ebenfalls als Mittelpunkt Deutschlands beworben, mit Stein, Tafel und Wanderweg. Die Differenz zu Niederdorla ist real, aber klein: Beide Punkte liegen in derselben Landschaft, der Welterberegion Wartburg-Hainich, und sind mit dem Auto in unter 20 Minuten verbunden. Wenn du genau wissen willst, wo der "echte" Mittelpunkt liegt, lautet die ehrliche Antwort: irgendwo zwischen Mihla und Niederdorla, mit Streuung in beide Richtungen je nach Methode.

Bis zu 20 Kilometer Unterschied liegen zwischen den berechneten Mittelpunkten Deutschlands je nach Methode
Bis zu 20 Kilometer Unterschied liegen zwischen den berechneten Mittelpunkten Deutschlands je nach Methode

Welcher Mittelpunkt sich für einen Ausflug lohnt

Wenn du wirklich hinfahren willst, ist die Wahl einfacher als die Berechnung. Niederdorla in der Gemeinde Vogtei ist das mit Abstand attraktivste Ziel. Der Findling steht auf dem Dorfanger, fünf Minuten vom Ortskern entfernt. Direkt nebenan liegt das Opfermoor Vogtei, eine archäologische Freilichtstätte mit rekonstruierten germanischen Kulthütten aus der Eisenzeit, also rund 600 vor Christus. Eintritt 6 Euro für Erwachsene. Die Gemeinde feiert traditionell ihre Pfingstkirmes auf dem Anger, der eine der größten erhaltenen Dorfgrünflächen Thüringens ist. Das ist auch der Grund, warum Pfingsten und die Sommerferien als Reisezeit besonders empfohlen werden: Dann ist im Ort etwas los.

Mihla liegt rund 18 Kilometer südlich und punktet mit der Nähe zur Wartburg in Eisenach, die rund 25 Autominuten entfernt ist. Krebeck ist der einzige Mittelpunkt außerhalb Thüringens und liegt im südlichen Niedersachsen, etwa 35 Kilometer nördlich von Göttingen. Der Stein steht im Wald, ist weniger touristisch erschlossen, dafür aber eine ruhige Wanderoption. Spangenberg ist die richtige Adresse, wenn dich der Bevölkerungsmittelpunkt interessiert: Die Fachwerkstadt mit ihrem Schloss aus dem 13. Jahrhundert ist sehenswert, der Stein steht etwas außerhalb bei Besse.

Wer kein Spezialist für Geometrie ist, sollte sich nicht verrückt machen lassen, welche der sieben Adressen die "korrekte" ist. Es gibt keine. Niederdorla hat den größten Bekanntheitsgrad, das beste Drumherum mit Opfermoor und Hainich, und es ist verkehrsgünstig zwischen Mühlhausen und Bad Langensalza erreichbar. Wenn du im Mai oder Juni unterwegs bist, ist es der praktischste Stopp. Plane für den Mittelpunkt selbst rund 15 Minuten ein, für das Opfermoor noch einmal eine Stunde, und nimm die Wanderung durch den Hainich-Nationalpark als verlängerten Halbtagesausflug obendrauf. Dann hat sich die Fahrt zur Mitte der Republik gelohnt, auch wenn die Mitte streng genommen eine geometrische Frage ohne eindeutige Antwort ist.

Weiterführende Links

WikipediaMittelpunkte Deutschlandsde.wikipedia.org
Gemeinde VogteiMittelpunkt Deutschlandgemeinde-vogtei.de