Seit Ende April 2026 schwärmen im Hessischen Ried rund 480 Millionen Feldmaikäfer durch die Wälder zwischen Groß-Gerau, Riedstadt und Lampertheim. Die Zahl stammt aus Bodenproben, die die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt ein Jahr vor dem Flug genommen hat. Das Phänomen tritt regional alle vier Jahre auf, weil der Lebenszyklus des Feldmaikäfers (Melolontha melolontha) exakt vier Jahre dauert und die Population am Oberrhein synchron schlüpft. 2026 ist in Südhessen ein sogenanntes Hauptflugjahr. Hier erfährst du, warum gerade jetzt so viele Käfer fliegen, was die Larven im Boden anrichten, und was du tun kannst, wenn Engerlinge deinen Rasen befallen.

Warum genau 2026 und warum genau Südhessen

Der Feldmaikäfer hat einen vierjährigen Entwicklungszyklus. Die Weibchen legen im Mai und Juni rund 60 bis 80 Eier in lockere, sandige Böden ab und sterben kurz danach. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die Engerlinge, die drei volle Jahre unterirdisch an Pflanzenwurzeln fressen. Im vierten Frühjahr verpuppen sie sich, häuten sich zum Käfer und überwintern in bis zu 1,5 Metern Bodentiefe. Im April oder Mai des Hauptflugjahres graben sich die fertigen Käfer dann gleichzeitig aus dem Boden.

Innerhalb einer regionalen Population, die Biologen "Stamm" nennen, leben die meisten Tiere im gleichen Takt. Das hat einen evolutionären Vorteil: Wer synchron schlüpft, findet beim ersten Flug sofort einen Partner. Überregional gibt es diese Taktung nicht. Maikäfer am Kaiserstuhl, in Hessen oder in Sachsen-Anhalt fliegen in unterschiedlichen Jahren. Im Hessischen Ried fällt das Hauptflugjahr seit Jahrzehnten auf Jahre mit Fußball-Weltmeisterschaft. 2018, 2022, 2026 und voraussichtlich 2030 sowie 2034.

Dass es in Südhessen so viele werden, hat zwei Gründe. Erstens den Boden: Das Ried besteht aus warmen Sand- und Schwemmböden, die Maikäfer-Weibchen für die Eiablage bevorzugen, weil sie weich und gut durchwurzelt sind. Zweitens das Klima. Klaus Velbecker, Leiter des Forstamts Groß-Gerau, nennt gegenüber der Hessenschau drei Faktoren: zunehmend seltene Frostperioden, wärmere Böden und Trockenheit. Frost tötet Engerlinge ab, wärmere Böden beschleunigen ihre Entwicklung. Hinzu kommt der seit Jahrzehnten abgesenkte Grundwasserspiegel im Ried, der die Bedingungen für Engerlinge noch verbessert.

Region Letztes Hauptflugjahr Nächstes Hauptflugjahr
Hessisches Ried 2026 2030
Kaiserstuhl (Baden) 2025 2029
Thüringen (Fahnersche Höhen) 2024 2028
Oberrheinebene (Iffezheim) 2026 2030
Colbitz-Letzlinger Heide 2025 2029

Was 480 Millionen Käfer im Wald anrichten

Erwachsene Maikäfer leben drei bis vier Wochen. In dieser Zeit fressen sie Blätter, vor allem von Eichen, Buchen und Obstgehölzen. Ein einzelner Käfer wiegt rund ein Gramm. Bei 480 Millionen Tieren ergibt das eine Biomasse von rund 480 Tonnen lebender Käfer auf wenigen tausend Hektar Wald. Die Tiere können in kurzer Zeit ganze Baumkronen kahl fressen. Forstbiologen sprechen vom sogenannten "Reifungsfraß".

Der eigentliche Schaden entsteht aber unter der Erde. Während ein Käfer im Mai vier Wochen oben frisst, fressen die Engerlinge drei Jahre lang an Wurzeln. Sie schälen die Rinde junger Triebe, beißen Feinwurzeln ab und schwächen Bäume so massiv, dass viele eingehen. Velbecker hat 2026 im Forstamt Groß-Gerau 350.000 Jungbäume gepflanzt, in der Hoffnung, dass die feinen Wurzeln eine längere Ruhezeit im Boden bekommen, bevor die nächste Engerlings-Generation anrückt. Spektrum der Wissenschaft beschreibt das Hessische Ried als ein durch Klimafolgen ohnehin geschwächtes Ökosystem, in dem Trockenheit und Engerlinge sich gegenseitig verstärken.

480 Millionen Feldmaikäfer schwärmen 2026 im Hessischen Ried und fressen Blätter von Eichen und Buchen
480 Millionen Feldmaikäfer schwärmen 2026 im Hessischen Ried und fressen Blätter von Eichen und Buchen

Im Garten zeigt sich der Befall meist erst Wochen nach dem Flug. Wer im Sommer plötzlich gelbe Flecken im Rasen entdeckt, die sich wie ein Teppich abheben lassen, hat fast immer Engerlinge unter der Grasnarbe. Die fetten, weißen Larven mit braunem Kopf liegen typischerweise C-förmig gekrümmt im Boden. Acht bis zwölf Engerlinge pro Quadratmeter reichen, um einen Rasen großflächig absterben zu lassen.

Was du tun kannst, wenn Engerlinge im Rasen sind

Für Hausgärten gilt eine unbequeme Wahrheit: Praktisch keine zugelassenen chemischen Pflanzenschutzmittel sind im Haus- und Kleingartenbereich gegen Engerlinge erlaubt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) führt zugelassene Mittel im Online-Verzeichnis. Wer kein Mittel mit der Kennzeichnung "Anwendung durch nicht-berufliche Anwender zulässig" findet, hat keine legale chemische Option. Die einzige biologische Methode mit nachweisbarer Wirkung sind Nematoden.

Konkret wirksam ist die Fadenwurm-Art Heterorhabditis bacteriophora. Die Nematoden werden mit Wasser auf den Rasen gegossen, dringen durch die natürlichen Körperöffnungen der Engerlinge ein und geben ein Bakterium ab, das die Larve innerhalb von Tagen abtötet. Wichtig ist das Timing: Die Nematoden wirken nur, wenn die Engerlinge nah an der Bodenoberfläche fressen. Bei Maikäfer-Larven ist das von Mitte August bis Mitte September der Fall. Im Frühjahr oder Hochsommer sitzen die Engerlinge zu tief, dann passiert nichts. Außerdem muss der Boden mindestens 12 Grad warm und feucht sein, und der Rasen sollte ein bis zwei Wochen nach der Ausbringung nicht austrocknen.

Methode Erlaubt im Hausgarten Wirksam gegen Engerlinge Bestes Zeitfenster
Chemische Insektizide Praktisch nein Ja, aber verboten entfällt
Nematoden (H. bacteriophora) Ja Ja Mitte August bis Mitte September
Vertikutieren und absammeln Ja Teilweise August bis Oktober
Knoblauch zwischen Blumen Ja Vorbeugend Eiablagezeit Mai/Juni
Geranien und Rittersporn pflanzen Ja Tödlich für Larven dauerhaft
Hühner oder Igel im Garten Ja Sehr wirksam dauerhaft

Eine oft unterschätzte Hausmittel-Methode ist Knoblauch zwischen Geranien und anderen Beetpflanzen. Die Allium-Pflanzen verströmen einen Geruch, den Maikäfer-Weibchen bei der Eiablage meiden. Die Wurzeln von Geranien und Rittersporn sind für Engerlinge zudem giftig. Diese Methoden helfen aber nur vorbeugend, gegen einen akuten Befall im Rasen sind sie wirkungslos. Auch kurz gemähter Rasen ist ein Eiablage-Magnet, weil die Weibchen weichen Boden für die Eiablage bevorzugen. Wer den Rasen während der Flugzeit im Mai und Juni etwas länger lässt, reduziert das Risiko.

Engerlinge fressen drei Jahre lang an Wurzeln und können Rasenflächen großflächig zum Absterben bringen
Engerlinge fressen drei Jahre lang an Wurzeln und können Rasenflächen großflächig zum Absterben bringen

Wann die nächste Welle in deiner Region kommt

Weil der Vier-Jahres-Rhythmus regional fixiert ist, lässt sich die nächste Massenflug-Welle einigermaßen verlässlich vorhersagen. Im Hessischen Ried und in Teilen der Oberrheinebene wird das nächste Hauptflugjahr 2030 sein, danach 2034. In Baden, etwa rund um Iffezheim und am Kaiserstuhl, läuft der Zyklus parallel zum Ried, weil dort derselbe Stamm fliegt. In Thüringen und in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt sind die Hauptflüge zeitversetzt, etwa 2024 und 2028. Zwischen den Hauptflugjahren fliegen Maikäfer ebenfalls, aber in deutlich geringerer Zahl. In Niedersachsen sind großflächige Massenflüge des Feldmaikäfers laut BUND aktuell selten. Dort tritt häufiger der Waldmaikäfer (Melolontha hippocastani) auf, der in der Lüneburger Heide einen eigenen Zyklus hat.

Für die Forstwirtschaft im Ried ist das eine planbare Belastung. Forstämter koordinieren Aufforstungen so, dass Jungbäume möglichst lange Zeit haben, ihr Wurzelwerk auszubilden, bevor die nächste Engerlings-Generation aktiv wird. Im Privatgarten lohnt sich ein Blick auf den Kalender ebenfalls. Wer im Hauptflugjahr Knoblauch und Geranien zwischen Beete setzt, reduziert die Eiablage. Wer im Spätsommer Nematoden ausbringt, bekämpft die nächste Generation, bevor sie zur Plage wird.

Spannend ist die Frage, warum die Käferpopulation überhaupt so zugenommen hat. Der NABU verweist auf eine ungewöhnliche Wende: Über Jahrzehnte galten Maikäfer als ausgerottet, weil hochwirksame Insektizide wie DDT und Lindan ab den 1950er Jahren ganze Bestände vernichteten. Erst seit dem EU-weiten Verbot dieser Mittel und der Umstellung auf integrierten Pflanzenschutz erholen sich die Populationen. Im Hessischen Ried kommt der Klimawandel als Beschleuniger dazu. Aus Naturschutz-Perspektive ist die Rückkehr der Maikäfer eigentlich ein Erfolg. Aus Sicht der Forstwirtschaft und betroffener Gärtner sieht das anders aus.

Was du jetzt konkret tun solltest

Wenn du in Südhessen lebst und Käfer im Garten beobachtest, prüfe in den nächsten Wochen deinen Rasen auf gelbe Flecken. Hebe die Grasnarbe an einer Verdachtsstelle vorsichtig an. Findest du mehr als acht weißliche Engerlinge pro Quadratmeter, plane für Mitte August eine Nematoden-Behandlung mit Heterorhabditis bacteriophora ein. Du bekommst die Nematoden online bei Anbietern wie e-nema oder im Gartenfachhandel, eine Packung für 100 Quadratmeter kostet rund 30 Euro. Setze gleichzeitig Knoblauch zwischen Geranien in deine Beete, das senkt die Eiablage der nächsten Generation. Vom Einsatz nicht zugelassener Insektizide solltest du die Finger lassen, das BVL kann Verstöße im Hausgarten mit Bußgeldern bis 50.000 Euro ahnden. Wer 2030 oder 2034 wieder im Ried lebt, weiß dann zumindest, was im Mai über dem Garten brummt.

Weiterführende Links

NABUDie Maikäfer sind wieder danabu.de
HessenschauHalbe Milliarde Maikäfer im Riedhessenschau.de
BVLPflanzenschutzmittel für Haus und Kleingartenbvl.bund.de