Blaumachen bedeutet im Deutschen, sich unentschuldigt freizunehmen, also der Arbeit oder der Schule fernzubleiben. Die Redewendung klingt harmlos, hat aber eine überraschend bewegte Geschichte. Sie führt zurück ins Spätmittelalter, zu Handwerksgesellen, die sich ihren freien Tag erkämpfen mussten, zu waidblauer Kleidung und zu einer populären Färber-Legende, die so nicht stimmt. Hier erfährst du, woher "blaumachen" wirklich kommt und warum die Farbe Blau in der deutschen Sprache so viele Bedeutungen trägt.

Der Blaue Montag: ein erkämpfter Feiertag

Die Spur beginnt beim sogenannten Blauen Montag. Seit dem 14. Jahrhundert hatten Handwerksgesellen in vielen deutschen Städten das Recht auf einen arbeitsfreien Montag. Dieser Tag war kein Geschenk der Meister. Die Gesellen mussten ihn gegen den Widerstand der Zünfte und der Obrigkeit erkämpfen, teilweise mit Arbeitsniederlegungen und offenen Konflikten.

Ursprünglich hieß dieser freie Tag schlicht "guter Montag". Erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich die Bezeichnung "blauer Montag" durch. Warum ausgerechnet blau? Dazu gibt es zwei plausible Erklärungen.

Die erste bezieht sich auf die Kleidung der Gesellen. Waidgefärbte blaue Textilien waren unter Handwerksgesellen weit verbreitet. Bei Umzügen und Zusammenkünften trugen sie einheitlich blaue Kleidung, was den Stadträten ein Dorn im Auge war. Die "waidblauen Straßen" zeugten vom wachsenden Selbstbewusstsein der unteren Stände. Die Farbe Blau wurde so zum Symbol für die Gesellenkultur, und der freie Montag, an dem diese Kleidung besonders sichtbar war, zum "blauen" Montag.

Handwerksgesellen durften in vielen Städten vier Blaue Montage pro Jahr feiern, einen pro Quartal
Handwerksgesellen durften in vielen Städten vier Blaue Montage pro Jahr feiern, einen pro Quartal

Die zweite Erklärung hat einen kirchlichen Hintergrund. Der Montag vor Aschermittwoch, der sogenannte Rosenmontag, war liturgisch mit der Farbe Blau-Violett verbunden. An diesem Tag fielen Arbeit und Pflichten aus. Manche Sprachforscher sehen darin den Ursprung der Bezeichnung, die sich dann auf andere arbeitsfreie Montage übertragen habe.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Brauch immer stärker eingeschränkt. Kaiser Maximilian II. brandmarkte den Blauen Montag 1571 per Erlass als Missbrauch. Zünfte und später die Fabrikbesitzer der Industrialisierung bekämpften die Tradition, bis sie im 19. Jahrhundert weitgehend verschwand. Die Redewendung aber blieb.

Die Färber-Legende: eine populäre, aber falsche Erklärung

Die mit Abstand bekannteste Erklärung für "blaumachen" geht so: Färber legten ihre Stoffe am Wochenende in ein Bad aus Indigo oder Waid. Am Montag nahmen sie die Textilien heraus und ließen sie an der Luft trocknen. Während dieser Wartezeit hatten die Färber nichts zu tun und machten deshalb "blau". Klingt schlüssig, stimmt aber nicht.

Sprachwissenschaftler haben diese Theorie mehrfach widerlegt. Das Hauptproblem: Die Farbentwicklung beim Indigo-Färben dauert nicht einen ganzen Tag. Wenn der Stoff aus dem Färbebad an die Luft kommt, beginnt die Oxidation sofort. Innerhalb weniger Minuten wechselt die Farbe von Gelbgrün über Grün zu Blau. Ein ganzer freier Tag wäre dafür nicht nötig gewesen.

Außerdem ist die Reihenfolge historisch falsch. Der Begriff "guter Montag" als arbeitsfreier Gesellentag ist seit dem 14. Jahrhundert belegt, also Jahrhunderte bevor er den Zusatz "blau" erhielt. Die Färber-Geschichte wurde nachträglich als eingängige Erklärung konstruiert. Sie ist ein klassisches Beispiel für eine Volksetymologie: eine plausibel klingende, aber falsche Herleitung, die sich hartnäckig hält.

Blau sein: Warum Betrunkene "blau" sind

Eng verwandt mit "blaumachen" ist die Redewendung "blau sein" für betrunken sein. Auch hier ist die Herkunft nicht endgültig geklärt, aber es gibt mehrere ernst zu nehmende Theorien.

Eine beliebte Erklärung besagt, dass Färber Urin für den Färbeprozess benötigten und deshalb viel Alkohol tranken. Wer betrunken war, war "blau". Doch auch diese Variante gilt unter Sprachforschern als Legende. Die eigentliche Herkunft liegt wahrscheinlich woanders.

Die sprachwissenschaftlich plausibelste Erklärung führt zur alten Redewendung "Jemandem wird blau vor Augen". Seit dem 16. Jahrhundert ist dieser Ausdruck als Zeichen für beginnendes Schwindelgefühl belegt. Wer zu viel trank und dem es schwindelig wurde, dem wurde es "blau vor Augen". Von dort ist der Weg zu "blau sein" nicht weit.

Eine weitere Theorie sieht den Ursprung im Jiddischen oder Rotwelschen. Das jiddische Wort "belo" bedeutet "ohne" oder "nichts" und entwickelte sich im Rotwelschen, der Geheimsprache von Gauklern und Vagabunden, zu "blau" in der Bedeutung von "schlecht" oder "gar nicht". "Blau sein" hätte dann ursprünglich so viel wie "nicht bei sich sein" bedeutet.

Das jiddische Wort "belo" für "ohne" entwickelte sich im Rotwelschen möglicherweise zu "blau" in der Bedeutung von "nicht bei sich"
Das jiddische Wort "belo" für "ohne" entwickelte sich im Rotwelschen möglicherweise zu "blau" in der Bedeutung von "nicht bei sich"

Die Farbe Blau in deutschen Redewendungen

Blau taucht in erstaunlich vielen deutschen Redewendungen auf. Die Bedeutungen reichen von Naivität über Betrug bis hin zum Adel. Hier ein Überblick über die wichtigsten Wendungen:

Redewendung Bedeutung Herkunft
Blaumachen Unentschuldigt fehlen, sich drücken Blauer Montag der Handwerksgesellen (ab 14. Jh.)
Blau sein Betrunken sein Vermutlich "blau vor Augen werden" (16. Jh.)
Ins Blaue fahren Ohne Ziel losziehen Blau steht für den Himmel, die Ferne, das Unbestimmte
Blauäugig sein Naiv, gutgläubig handeln Blaue Augen galten als Zeichen von Unschuld und Arglosigkeit
Sein blaues Wunder erleben Eine unangenehme Überraschung bekommen Möglicherweise vom Färbeprozess: Der Stoff ging gelb ins Bad und kam blau heraus
Blaues Blut haben Adelig sein Vom spanischen "sangre azul": Adern schimmerten bei heller Haut bläulich
Einen blauen Brief bekommen Abmahnung, Kündigungsschreiben Preußisches Militär im 18. Jh.: Entlassungsschreiben in blauen Umschlägen
Jemandem das Blaue vom Himmel lügen Dreist und überzeugend lügen Blau als Farbe der Täuschung und des Unwirklichen
Mit einem blauen Auge davonkommen Glimpflich davonkommen Blauer Fleck als geringe Verletzung im Vergleich zu Schlimmerem

Die Farbe Blau steht im Deutschen also selten für etwas Positives. Naivität, Betrug, Rausch, Faulheit: Blau hat in der Sprache einen zweifelhaften Ruf, auch wenn die Farbe selbst in Umfragen regelmäßig als Lieblingsfarbe der Deutschen genannt wird.

Vom Mittelalter in den Büroalltag

Wer heute "blaumacht", denkt nicht an Handwerksgesellen oder Färberbottiche. Die Redewendung hat sich komplett von ihrem Ursprung gelöst. Im modernen Sprachgebrauch beschreibt sie schlicht das unentschuldigte Fehlen, egal ob in der Schule, im Büro oder bei einer Verabredung.

Sprachlich interessant ist, dass "blaumachen" im Gegensatz zu verwandten Begriffen wie "schwänzen" oder "krankfeiern" vergleichsweise neutral klingt. Es schwingt eine gewisse Sympathie mit, vielleicht ein Echo aus der Zeit, als der freie Montag ein hart erkämpftes Recht war und kein Vergehen.

Fazit

Die Redewendung "blaumachen" geht auf den Blauen Montag zurück, einen freien Tag, den sich Handwerksgesellen ab dem 14. Jahrhundert erkämpft haben. Die beliebte Erklärung über Indigo-Färber, die montags auf ihre trocknenden Stoffe warteten, ist eine Legende. Warum der freie Montag "blau" wurde, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die plausibelsten Erklärungen verweisen auf die blaue Kleidung der Gesellen oder auf den liturgischen Kalender. In jedem Fall zeigt die Geschichte dieser Redewendung, wie tief Sprache mit Sozialgeschichte verwoben ist.

Weiterführende Links

Blauer Montag - Geschichte und Herkunft (Wikipedia)de.wikipedia.org →
Redewendungen zur Farbe Blau - Ursprung und Bedeutungfarbenundleben.de →
Eine Studie zum Blauen Montag - Blaudruckerei Jeverblaudruckerei.de →